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Südermarkt Flensburg : Im Herzen weht die Flagge auf Halbmast

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schweigeminute im Gedenken an die Opfer von Berlin: Auf dem Weihnachtsmarkt ist die Stimmung gedrückter als an normalen Tagen

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2016 | 05:09 Uhr

Haben die tragischen Ereignisse an der Gedächtniskirche auch in Flensburg ihre Spuren hinterlassen? Während in Berlin eine ganze Stadt unter Schock steht, scheint bei den vorweihnachtlichen Aktivitäten rund um Südermarkt, Holm und Großer Straße alles seinen gewohnten Gang zu gehen – zumindest oberflächlich gesehen. Doch der erste Blick täuscht.

Eindrücklicher Beweis war eine bewegende Andacht gestern um 18 Uhr an der Weihnachtspyramide vor St. Nikolai, die mit einer Schweigeminute zu Ende ging. Pröpstin Carmen Rahlf sprach angesichts der furchtbaren Taten von Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, Trauer und Wut. Es gelte nun, zusammenzustehen gegen Gewalt und Angst. „Die Freude ist im Moment zerstört, aber das Leben hält immer beides bereit: Angst und Mut, Krieg und Frieden.“ Die Liebe werde trotz aller Verdunklung in unser Leben kommen, machte sie den Menschen Mut. Danach hätte man auf dem sonst so belebten Markt eine Stecknadel fallen hören können.

Unter Standbetreibern und Gästen ist eine große Betroffenheit spürbar. Die Musik ist verstummt, die gute Stimmung und Ausgelassenheit der letzten Tage kann sich unter den gegebenen Umständen nicht einstellen. „Was in Berlin passiert ist, geht mir sehr nah – das war wie ein tiefer Schlag in die Magengrube“, sagt Iris Fletcher, die mit ihrem Mann um die Mittagszeit von Langballig zum Weihnachtsmarkt gekommen ist. Die Rostocker Rauchwurst will nicht so recht schmecken. „Es war absehbar, dass es in Deutschland irgendwann zu einem Anschlag kommen würde, Warnungen gab es ja genug“, sagt Richard Fletcher und stellt die Frage in den Raum, ob in den Großstädten wirklich genug für die Sicherheit getan werde. „In Flensburg“, sinniert er, „fühlen wir uns ja relativ geschützt.“ Das Attentat, befürchtet das Ehepaar, werde nun erneut Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten spülen. Richard Fletcher ist gebürtiger Engländer und hat sich nach dem Brexit einbürgern lassen. „Auch ich muss mir immer wieder schlimme Kommentare anhören“, sagt er. Er empfinde die unterschwellige Feindschaft gegen Ausländer sehr deutlich. „Dann bedarf es meist nur eines kleinen Anlasses, bis sie offen zum Ausbruch kommt!“

Auch Jette Foget stammt aus dem Ausland. Sie kommt aus Dänemark jedes Jahr zum Weihnachtsmarkt an die Förde. „Ich kann es diesmal nicht genießen“, meint sie. Was passiert ist, sei unglaublich und „einfach nur schrecklich“. Ihre Stimmung fasst sie in einem Satz zusammen: „In meinem Herzen weht die Flagge auf Halbmast.“

Die tiefe Betroffenheit und diffuse Befürchtungen drückt auch Sigrid Putzer aus. „Angst hat man heute überall.“ Was in Berlin geschehen sei, könne überall geschehen. „Und wie schnell ist man zur falschen Zeit am falschen Ort. Wer weiß, was uns alles noch bevorsteht“. Dieter Königschulte hört zu. Denkt kurz nach und sagt dann: „Man kann jetzt viel spekulieren, aber wir dürfen uns das alles nicht kaputt machen lassen.“

Dafür will nicht zuletzt die Polizei sorgen. „Es geht um das subjektive Sicherheitsgefühl“, weiß Sprecherin Sandra Otte, und dem Bedürfnis wollen wir durch verstärkte Präsenz auch gerecht werden.“ Man stelle sich mit vermehrten Streifen auf die veränderte Lage ein, es bestehe jedoch kein Anlass, überzogen zu reagieren. „Es gibt keine konkrete Gefährdungslage und keinerlei Hinweise, dass eine Stadt in Schleswig-Holstein das Ziel sein könnte.“

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