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Flensburg / Apenrade : Im Fadenkreuz der Fahnder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Drama in vier Akten von einem Deutsch-Dänen, der in den USA Urlaub machen wollte.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2017 | 11:27 Uhr

Niemand dominiert die Medienlandschaft wie Donald Trump. Kaum vergeht ein Tag ohne neue politische Visionen des Präsidenten auf dem Online-Kurznachrichtendienst Twitter. Der Smartphoneliebhaber Trump postete bereits in den ersten Tagen seine neuesten Erlässe, zum Beispiel das Einreiseverbot für Menschen aus gewissen arabischen Staaten. Es folgten Demonstrationen und lange Debatten in den USA. Doch all diese Probleme schienen ganz weit weg zu sein, in Apenrade mehr als 6000 Kilometer entfernt vom Weißen Haus in Washington. Über diese Probleme und Debatten hatte sich auch der Nordschleswiger Thore Naujeck bisher keine größeren Gedanken gemacht. Bis zum Sommer 2017, als er erfuhr, welche Komplikationen man als solcher potenzieller Gefährder bei dem Versuch erdulden muss, ein Visum zu erhalten. Dabei wollte er doch nur mit seiner Freundin Urlaub machen. Während Thores Freundin ihr Visum ohne viel Bürokratie online beantragen konnte, musste Naujeck für ein Interview extra nach Berlin reisen. Grund für diese besondere Behandlung war ein Iran-Urlaub 2014.


Eine Reise in den Iran


Damals war Naujeck nicht nach Strand, sondern nach ein wenig Abenteuer. Er wollte etwas anderes als den Swimmingpool der Pauschalreisehotels kennenlernen. Deshalb reiste er damals nach längeren Überlegungen mit seinem Freund, Jonas Westergaard, in den Iran. Dort erlebte er auf seiner Rundreise eine Kultur der Gastfreundschaft. Angst oder Gefahr empfand Naujeck nie, nicht einmal in der entlegenen Gegend im Norden des Staates an der Grenze zu Afghanistan. Naujeck konnte wohl damals nicht absehen, welche Konsequenzen diese Reise für ihn drei Jahre später haben würde.


Die vermeintliche Gefahr


Apenrade, Sommer 2017. Bei dem Versuch, das Visum zu bekommen, wird Naujeck gefragt, ob er einen der auf einer Liste aufgeführten Staaten in den letzten Jahren besucht habe. Unter diesen Staaten ist auch der Iran. Naujeck bejaht und wird daraufhin gebeten, einen neuen Fragebogen auszufüllen. Der amerikanische Staat fragt ihn nach seinen Reisemotiven, den Erlebnissen im Iran, aber auch, ob er einwilligen würde, sein Facebook-Passwort den amerikanischen Behörden auszuhändigen. Naujeck muss seine privatesten Daten offenbaren und wird zudem noch zu einem Interview in die amerikanische Botschaft in Berlin gebeten. Denn Naujeck, der eine doppelte Staatsangehörigkeit besitzt, hat nur einen deutschen Reisepass. Aus Kostengründen, wie er sagt. Neben der Reise nach Berlin kommen zusätzlichen Kosten von rund 150 Euro auf Naujeck zu. Der amerikanische Staat verlangt von Naujeck die Angabe einer Kontaktperson in den USA, die sich für ihn verbürgen kann. Naujeck findet, nach längerem Suchen, eine Kontaktperson in dem Ex-Freund der Schwester seiner Freundin. Das Ex-Paar hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch sporadisch Kontakt. Doch dies ist nicht das einzige Hindernis. Es folgt eine Odyssee durch die Bürokratie, die Naujeck so manchen Nerv kostet.


Eine Odyssee in Berlin


Die erste Hürde für den Mitarbeiter des Bundes Deutscher Nordschleswiger, ist die Suche nach einen geeigneten Aufbewahrungsort für seinen Rucksack. Diese sind streng verboten im Botschaftsgebäude. Das gilt auch für Schließfächer. Eine freundliche
Kioskbetreiber in der nächstgelegenen U-Bahnstation hilft Naujeck in der Not aus. In der Botschaft herrscht ein reges Treiben. Lange Menschenschlangen tummeln sich an den vier Schaltern. Naujeck lernt Journalisten, Soldaten und Touristen beim Warten kennen. Menschen, die auf Naujeck einen friedlichen Eindruck machen, werden sich genau wie er in den nächsten Stunden vor dem amerikanischen Staat rechtfertigen. In den darauf folgenden Stunden lernt Naujeck die Bürokratie in ihrer vollen Pracht kennen. Mal
will man eine ausgefüllte Petition von ihm, von der er vorher noch nie was gehört hat. Dann verlangt man Passbilder, welche dann nach dem Erstellen doch nicht mehr gebraucht werden. Am Ende kommt im Interview die
Erkenntnis, dass Naujeck in die USA einreisen darf. Für einen Moment scheint all der Stress überwunden und das Ziel erreicht. Doch nur für einen Moment...


Grenzen der Diplomatie


Womit die amerikanischen Diplomaten nicht rechnen, ist die Existenz von dänischen Grenzkontrollen an der deutsch-dänischen Grenze. Für die Naujeck seinen Pass, den man ihm erst in der nächsten Zeit zuschicken wolle, braucht. Gekonnt belehrt man Naujeck auf dessen Frage, wer die mögliche Strafgebühr an der Grenze bezahlen würde, über das Schengener Abkommen von 1995. Nach einer regen Debatte und gewissen Nachforschungen kann ein Mitarbeiter Naujecks Aussage über Grenzkontrollen bestätigen. Erstaunt stellt man nun von US-amerikanischer Seite fest, dass Naujeck in Dänemark wohnhaft ist und das man dorthin keine deutschen Pässe verschicken würde. Man sagt ihm, er soll doch einfach zu einem späteren Zeitpunkt den Pass wieder in Berlin abholen. Nach ausführlicheren Diskussionen, überzeugt Naujeck die Amerikaner seinen Pass in die Nähe der Grenze zu Freunden zu schicken. Doch das Misstrauen zwischen Naujeck und den US-Diplomaten verschwindet nie ganz. Es ist für die Amerikaner nicht verständlich, dass es so etwas wie eine deutsche Minderheit in Nordschleswig gibt. Naujeck versucht und versucht es zu erklären, gibt es aber nach dem dritten Versuch auf. Er holt seine Tasche von der Kioskbetreiberin ab.

Seinen Pass hat er heute mit Visum wieder, wenn auch über Umwege. Über die Zeit als potenzielle Staatsgefahr kann er bei unserem Gespräche nur nett lächeln und freut sich nur noch auf seinen USA Urlaub Anfang August. Was sich Donald Trump bis dahin noch einfallen lässt, bleibt offen. Naujecks Urlaub wird wohl länger dauern, als die Amtszeit eines US-amerikanischen Kommunikationchefs.

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