Militärpfarrerin in Jagel und Hohn : Im Einsatz als "seelischer Mülleimer"

Militärseelsorgerin Birgitta Gnade und ihr Pfarrhelfer Joachim Nöhren. Foto: wim
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Militärseelsorgerin Birgitta Gnade und ihr Pfarrhelfer Joachim Nöhren. Foto: wim

Birgitta Gnade ist Militärpfarrerin in Jagel und Hohn - und beschäftigt sich mit Zukunftsängsten von Soldaten - ebenso wie mit geöffneter Feldpost.

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31. Januar 2011, 08:51 Uhr

Jagel | Das Thema sei "ohne Zweifel ein ganz problematisches", sagt Birgitta Gnade. Denn wenn Nachrichten darüber kursieren, dass Feldpost von Soldaten geöffnet wird, dann bekommt insbesondere sie - als Militärpfarrerin - ein flaues Gefühl im Magen. Zum Hintergrund: Mehr als einmal sollen Briefe von in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten geöffnet oder ohne Inhalt bei ihren Familien in der Heimat angekommen sein. Wie es dazu kommen konnte, ist zwar noch nicht geklärt. Systematik, so heißt es aus Kreisen des Verteidigungsministeriums, habe jedoch nicht dahinter gesteckt. Das glaubt auch Birgitta Gnade. "Man muss aber klären, was hinter diesen Anschuldigungen steckt. Denn Briefe zu öffnen, ist eine Straftat, die verfolgt werden muss", sagt sie mit Nachdruck - auch weil sie Soldaten stets dazu rät, zu Papier und Stift zu greifen, um ihren Familien ein paar persönliche Zeilen aus dem Einsatz zu schicken.
Gnade ist Militärpfarrerin gleichzeitig für die Bundeswehrverbände in Jagel (Aufklärungsgeschwader 51 "Immelmann") und in Hohn (Lufttransportgeschwader 63). Von dort aus sind regelmäßig Soldaten in Masar-i-Scharif im Einsatz - jenem Feldlager, das von dem Brief-Skandal betroffen ist. "In erster Linie geht es um Post von Kameraden aus Niedersachsen. Ich habe bislang aber nicht gehört, dass es auch in Hohn oder Jagel Fälle gibt. Mit mir hat deswegen noch kein Soldat ein Gespräch gesucht."
Mantel der Schweigepflicht
Aber es gibt auch so genügend Gründe für die Soldaten der beiden Verbände, sich in vertraulichen Gesprächen an die 41-jährige Pastorin zu wenden. "Die Militärseelsorge wird stark in Anspruch genommen", sagt sie und fügt an: "Ich bin dabei ein seelischer Mülleimer, in den man seine Sorgen abkippen kann." Und da dies stets unter dem Mantel der Schweigepflicht stattfindet, ist Gnade für viele Soldaten bei Problemen der erste Ansprechpartner. Egal ob Ehekrisen, Schulden, Konflikte mit Kameraden, Angst vor dem Auslandseinsatz und der damit verbundenen Trennung von der Familie: "Es gibt unzählige und vielschichtige Gründe, warum die Leute zu mir kommen. Bei mir können sie Druck ablassen, einfach mal schimpfen oder traurig sein", sagt Gnade.
Insbesondere suchten die Hohner und Jageler Uniformträger - oder auch deren Angehörige - in jüngster Zeit den Rat der Militärseelsorgerin, wenn es um mögliche Versetzungen in der Zukunft geht. "Da herrscht eine große Angst und Unsicherheit", sagt Gnade. Viele Kameraden hätten mit ungeklärten Zukunftsfragen Probleme, wüssten nicht, wie sie sich und ihre Familien auf einen eventuell bevorstehenden Umzug oder eine Trennung auf Zeit vorbereiten sollen. "Manche haben vielleicht ein Haus hier in der Gegend gebaut und wollen nicht weg, andere würden lieber ihre Karriere vorantreiben. Da ist es gut, dass jemand wie ich von außen den Fokus auf die Probleme setzt."
Erst Feuerwehr, dann Internat
Das macht Birgitta Gnade bei der Bundeswehr inzwischen seit drei Jahren. Zuvor hat die gebürtige Schleswigerin, die seit 2001 als Pastorin tätig ist, die Kirchengemeinde Brodersby geleitet, war als Feuerwehr-Seelsorgerin und später Internatspastorin in Louisenlund tätig. "Mein Wunsch war es aber immer, irgendetwas mit Einsatzkräften zu machen. Dann kam der Vorschlag aus dem Kirchenamt, zur Bundeswehr zu gehen", erzählt sie. Diesen Schritt hatte sie - obwohl ihr Vater als Zivilangestellter in der Kaserne auf der Freiheit in Schleswig arbeitete - "vorher nie auf dem Schirm". Sie wagte ihn dennoch - und hat es nie bereut. "Die Arbeit ist absolut befriedigend, hier kann ich etwas bewirken. Das ist keine verlorene Zeit", sagt Gnade, die mit ihrem Mann und den drei Kindern in Fleckeby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) lebt.
Von dort aus fährt die Pastorin zu regelmäßigen Zeiten in ihre Büros in Hohn und Jagel, ist aber - gemeinsam mit ihrem Pfarrhelfer Joachim Nöhren - "telefonisch 24 Stunden am Tag erreichbar." Neben ihren Sprechzeiten gibt Gnade "Lebenskundlichen Unterricht" für Soldaten und Führungskräfte und behandelt dabei Themen wie "Umgang mit Tod und Verwundung", "Stress im Einsatz", "Posttraumatische Belastungsstörungen" oder "Burn-Out-Syndrom". Auch Gottesdienste, die Betreuung von Bundeswehr-Angehörigen, sogar Trauungen und Beerdigungen von Soldaten oder gar das Überbringen von Todesnachrichten gehören zum "herausfordernden aber nicht immer einfachen" Betätigungsfeld der Militärseelsorgerin, die zunächst für sechs Jahre vom Landeskirchenamt freigestellt ist und in dieser Zeit als Staatsbeamtin arbeitet.
"Den meisten nicht mehr peinlich"
Eine Verlängerung ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr kann sich Birgitta Gnade "gut vorstellen". Auch in einen Auslandseinsatz werde sie - wenn auch wahrscheinlich nicht in Afghanistan ("Dort werden eher Männer als Seelsorger eingesetzt") - mitmachen. Das sei wichtig für ihre Arbeit und das Verständnis, das man dabei aufbringen müsse.
Aber auch jetzt schon mache ihr der Job mit seinen vielen Facetten unheimlich viel Spaß. "Seelsorge ist nicht das Allheilmittel. Aber ich höre den Soldaten zu, nehme mir Zeit für sie und gebe ihnen Tipps - mache ihnen jedoch niemals Vorschriften", sagt Gnade und fasst ihre Arbeit unter dem Titel "Lebenshilfe" zusammen. Die sei bei der Bundeswehr inzwischen akzeptiert. Zwar gebe es immer noch einige Soldaten - in erster Linie höhere Dienstgrade -, die darauf achten, möglichst nicht gesehen zu werden, wenn sie in ihr Büro kommen. "Aber heutzutage ist es den meisten nicht mehr peinlich, die Militärseelsorgerin in aller Öffentlichkeit zu grüßen."

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