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Flensburger Tageblatt

19. August 2017 | 02:12 Uhr

Im Auge des Orkans

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wer es bislang noch nicht realisiert hat, dem wird nun anschaulich vor Augen geführt: Der Klimawandel macht selbst vor Flensburg nicht halt. Mehr noch: Ausgerechnet in der Stadt des Klimapakts droht die Klimakatastrophe schlechthin.

Es ist nicht – sei es noch so naheliegend – die große Flut, die über uns hereinbrechen wird. Auch wird es keine Frösche regnen, die ebenfalls biblisch verbriefte Stechmückenbrut und nimmersatte Horror-Heuschrecken dürfen sich in anderen Regionen dieser Welt austoben und die ewige Finsternis bleibt uns erspart.

Doch eine andere Gefahr lauert gleich um die Ecke. Wilde Wirbelstürme sind es, die uns in Bälde heimsuchen könnten. Und deshalb haben zwei Hundertschaften an Hilfskräften in einer der weltweit größten Katastrophenschutzübungen den Ernstfall trainiert. Wohlgemerkt, nicht im Atlantik, Nord- oder Südpazifik, im Indischen Ozean, im Karibischen Meer und im Golf von Mexiko oder dem von Bengalen, wo der gemeine Wirbelsturm, der Hurrikan, Taifun oder Zyklon zu Hause sind.

Nein, an der Flensburger Förde wird das Naturphänomen, das die von derlei Plagen verschonten Nordlichter nur aus der Tagesschau, einem aktuellen Brennpunkt oder dem Weltspiegel kennen, simuliert.

Rund eine Million Menschen, so das Szenario, sind auf einem Streifen von 100 Kilometern betroffen. Wo, fragt man sich, kommen diese Massen bloß auf einmal her?

Vertreter der Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission und der Nato geben sich schräg gegenüber des neu eröffneten Citti-Parks die Klinke in die Hand. Total international. Und das Schönste: Alles ist super koordiniert, die Einsatzkräfte aus 35 Nationen verlieren sich nicht in einem babylonischen Sprachengewirr – Gefahrenabwehr und Katastrophenmanagement funktionieren. Also, der Wirbelsturm mag kommen, fürchtet euch nicht! Flensburg ist gerüstet.

Prima Klima in den Wohnzimmern der Westlichen Höhe? Eher nicht. Denn Mitte der Woche fiel die Fernheizung aus. Frostige Stimmung in 5000 Haushalten, weil die Stadtwerke Absperrarmaturen einer größeren Fernwärmeleitung reparieren oder austauschen müssen. Nach zwölf Stunden nächtlicher Kälte sollen die Arbeiten morgens um 8 Uhr beendet sein. Doch zusätzliche Schweißarbeiten im Zweischichtbetrieb verzögern dies.

Um 16 Uhr, versprochen, sei alles behoben, lässt sich eine besorgte Anwohnerin informieren. Doch dann: Heizung immer noch kalt, bei den Stadtwerken läuft der Anrufbeantworter.

Als abends um 21 Uhr immer noch keine Besserung eintritt, erreicht die Flensburgerin endlich einen Mitarbeiter. Sie solle jetzt bitte alle Fenster und Türen schließen, so der Rat. Alsdann möge sie sich in die Küche begeben – und den Backofen anstellen. Umluft, Ober- oder Unterhitze? Diese Fragen bleiben offen. Doch die frierende Frau empfand den Störungsdienst unseres Energieversorgers als unheimlich pragmatisch.

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