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Landgericht Flensburg : Ikea-Betrüger ergaunern 70.000 Euro

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Prozessbeginn vor dem Landgericht: Ein Quartett aus Flensburg begibt sich acht Monate lang auf ausgedehnte Einkaufstour, ohne zu bezahlen.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2017 | 09:30 Uhr

Flensburg | Eine fette Fallakte und eine vollbesetzte Strafkammer: Neben dem Vorsitzenden am Landgericht die obligatorischen Schöffen, Staatsanwältin, fünf Verteidiger, drei Dolmetscher, ein Dutzend Zuschauer – und vier Angeklagte. Ihnen wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug in 18 Fällen vorgeworfen. Sechsmal blieb es beim Versuch.

Zwischen dem 26. August vergangenen Jahres und dem 27. April 2017 sollen die vier Flensburger das Einrichtungshaus Ikea um einen realen Vermögenswert von 70.000 Euro geprellt haben, indem sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Waren bestellten, die tatsächlich auch geliefert wurden, obwohl entsprechendes Geld nicht vorhanden war. Es wurde also fleißig geliefert – bezahlt indes nicht.

Die Verlesung der Anklageschrift nimmt breiten Raum ein. Und man möchte Staatsanwältin Schlumbohm am liebsten ein Glas Wasser reichen – so viele Daten, Bestelldetails, Aktenzeichen und Kontonummern muss sie herunterbeten. Zudem wird synchron übersetzt oder gesondert vorgelesen. Geduld ist gefragt.

Trotz aller Komplexität: Die Masche des betrügerischen Quartetts klingt so einfach, dass man kaum glauben möchte, dass sie funktioniert. Wie etwa der erste erfolgreich verlaufene „Einkauf“: Die 30-jährige I., die von der Staatsanwaltschaft als Kopf der Bande angesehen wird, bestellt bei Ikea auf den Namen ihres getrennt lebenden Ehemannes Möbel im Wert von 2500 Euro. Die Bezahlung im Lastschriftverfahren kommt nicht zustande, weil keine ausreichende Deckung des Kontos vorliegt. Die dennoch gelieferte Ware veräußert man für die Hälfte an einen in einem abgetrennten Verfahren Angeklagten. Und weil das alles so problemlos verläuft, wird wacker weiterbestellt und das Verfahren professionalisiert.

Schlumbohm bezeichnet die Angeklagten – drei polnische und eine deutsche Staatsangehörige – als Mitglieder einer Bande, die sich zur „fortgesetzten Begehung von Straftaten verbunden haben“. Anfang 2017 hätten sie den schwedischen Einrichter zur „langfristig angelegten Einnahmequelle in erheblichem Umfang“ auserkoren.

Ein Netzwerk von Kontaktpersonen und hilfreichen Hintermännern baut sich um sie herum auf. Die Einkaufssummen pendeln sich bei etwa 7500 Euro ein. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich neben Waschmaschinen, Kühl-Gefrierkombis und Geschirrspülern die Karlskrona-Relaxliege und der Pax-Kleiderschrank. Immer wieder fährt der Ikea-Lieferwagen an verschiedenen Adressen in der Nordstadt vor – ein zweiter Transporter wartet schon zwecks „Weiterverarbeitung“. Die Angeklagten sollen nicht nur telefonisch geordert haben, sondern auch direkt bei Ikea in Schnelsen, Altona oder Moorfleet vorstellig geworden sein. Um kein Misstrauen zu erwecken, wurden Lieferkosten brav vorab beglichen.

Besonders perfide: Die Täter haben laut Anklage Landsleute in finanzieller Notlage angeworben und nach Deutschland gelockt. Unter ihrem Namen wurden Gehaltskonten eröffnet. Es gab formelle Untermieter, Klingelschilder wurden überklebt, diverse Sim-Karten verteilt. Doch die Ermittler hatten längst Verdacht geschöpft. Es gab Anzeigen wegen Verdachts der Geldwäsche. Bei neun Durchsuchungen unter Beteiligung von 80 Beamten schlug die Kripo schließlich zu.

Einen interessanten Exkurs hatte I.s Verteidiger Christian Schumacher zu bieten. Er hätte den Fall lieber vor einem Amtsgericht gesehen, sagte er. Der Betrag, um den es ginge, sei verschwindend gering im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Er schlug den Bogen bis hin zum Untreue-Verfahren gegen Altkanzler Helmut Kohl. Und überhaupt: Möbelhäuser würden es den Konsumenten sehr leicht machen zu betrügen. Dazu bedürfe es kaum krimineller Energie. Doch das verfing beim Richter ebenso wenig wie die Anregung, das Verfahren gegen seine Mandantin abzutrennen, weil diese hochschwanger sei. Die Fortsetzung der Verhandlung ist für nächsten Montag angesetzt. Sollte I. vor diesem Zeitpunkt ihr Kind zur Welt bringen, wird der Termin allerdings platzen.

 

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