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Der etwas andere Gottesdienst : „Ihr habt mich aufgenommen . . .“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rockmesse mit Musik, Abendmahl, Gebet und Segen: Keinen freien Platz gab es mehr an Heiligabend in der St. Johannis-Kirche.

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Heiligabend ist alles anders in St.  Johannis. Am Tor wird den Besuchern kein Gesangbuch in die Hand gedrückt. Verteilt werden stattdessen Zettel und Bleistift. Darauf möge ein jeder seine Wünsche für das kommende Jahr niederschreiben. Dieses Ritual hat eine jahrzehntelange Tradition – genauso wie die einst von Pastor Holger Hoffmann aus der Taufe gehobene Rockmesse in der wunderschönen Altstadt-Kirche.

Tradition auch, dass sich bereits weit vor dem Einlass um 22.30 Uhr lange Schlangen vor dem Gotteshaus an der Süderfischerstraße gebildet haben. Doch niemand muss draußen bleiben. Die Menschen, die keinen Platz finden, harren zwei Stunden lang im Stehen aus – oder aber auf dem Boden hockend.

Heiligabend ist alles anders in St.  Johannis. Keine andächtige Stille, sondern eine krachend laute Band führt in den alternativen Gottesdienst ein, macht dem Begriff „Rockmesse“ alle Ehre. „Give me up again“ schmettert das von Gitarrist Bent Wolff extra zu diesem Anlass zusammengestellte Quintett gegen die Kirchenmauern. Dann führen Pastorin Regina Franzen und Pastor Johannes Ahrens in das Thema ein: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen  .  .  .“ – dieser Bibeltext aus dem Matthäus-Evangelium (Das Weltgericht) zieht sich wie ein roter Faden durch die Nacht. Naheliegend der aktuelle Bezug. „Viele haben ihre Herzen geöffnet in der Begegnung mit anderen“, sagt Johannes Ahrens und zieht als Analogie die Geburt Jesu herbei. Ein schutzbedürftiges Wesen, liegend im Stroh. „Ein Fremdkörper, der im unpassendsten Moment auf die Welt kommt, vor dem aber die Hirten niederknien.“ Und zu dem sich, wohlgemerkt, die Weisen aus dem Morgenland auf den Weg machen.

Weihnachten wird in diesem Moment als das Integrationsfest schlechthin begriffen. Und als Aufruf, sich denen entgegen zu stellen, die meinen, das christliche Abendland mit allen Mitteln gegen das Fremde, das Andersartige verteidigen zu müssen. „Auch Jesus war von Abschiebung und Ablehnung bedroht, vom ersten Atemzug an“, erinnern die Pastoren. Eine Erfahrung, die vielleicht jeder schon einmal gemacht habe – nicht nur im Umgang mit Geflohenen, sondern mit sich selbst – im eigenen Erleben.

Wer diese Botschaft noch immer nicht begriffen hatte, den rüttelte die Band hartnäckig wach, vielleicht auch das gemeinsam gesungene „Oh happy day“ oder die ergreifenden Worte eines Flüchtlings aus Afghanistan, der erleben durfte, „wie aus Fremden Freunde wurden“. Heiligabend ist alles anders in St.  Johannis.

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