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Serie: Zukunft in Flensburg : „Ich habe Angst um meine Familie“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Husein Alali ist 31, stammt aus dem syrischen Rakka und ist schon Gast-Student an der Europa-Uni. Seine Flucht aus Damaskus dauerte 23 Tage.

Flensburg | Was bringt das Jahr 2016 für Flensburg? In einer sechsteiligen Interviewreihe hat die Tageblatt-Redaktion Zukunftsfragen gestellt – es geht um Finanzen, Verkehr, Flüchtlinge, Ausbildung, den Hafen – sowie um Glücksburg und sein Verhältnis zum großen Nachbarn. Heute: Ein syrischer Germanistik-Student in Flensburg vier Monate nach der Flucht.

Unter welchen Umständen sind Sie von Syrien nach Deutschland gekommen?
Ich habe in Syrien Germanistik studiert und wollte gern hier meinen Master machen. Das Leben in Syrien ist gefährlich. Deshalb habe ich das Land verlassen.

Wie sind Sie hergekommen?
Ich bin mit dem Bus von Damaskus nach Beirut gefahren, von Beirut mit dem Flugzeug in die Türkei. Ich bin in der Türkei vier Tage geblieben. Dann bin ich mit dem Schlauchboot über das Meer auf die Insel Samos gefahren, von Samos nach Athen mit dem Schiff. Von Griechenland über Mazedonien, Serbien, Ungarn. Ich bin in Ungarn zehn Tage geblieben. In Deutschland bin ich seit dem 5. September.

Warum?
Wir durften nicht weiterfahren. Sie wollten, dass wir uns in Ungarn registrieren. Zum Glück haben wir uns dort nicht registriert. Danach sind wir mit den Bussen von Ungarn nach Wien gekommen, von Wien bin ich mit dem Zug nach Hannover gefahren.

Wie lange hat die Reise gedauert?
Ungefähr 23 Tage.

Sind Sie allein gereist?
Meine Familie, meine Frau, eine Tochter und ein Sohn, sind in Syrien. Vor einem Monat hat meine Frau ein Kind bekommen. Sie leben in Damaskus.

Ist es gefährlich für Ihre Familie dort?
Das Leben in Damaskus ist gefährlich für meine Familie.

Planen Sie, Ihre Familie herzuholen?
Ja, ja, ja. Auch meine Frau hat Germanistik studiert.

Die Reise auf dem Schlauchboot....
.. war sehr gefährlich. Wir wären fast ertrunken. Sie hat sechs Stunden gedauert. Ungefähr 45 Leute waren auf dem Boot.

Warum studieren Sie Deutsch?
Es wurde eine neue Abteilung an der Universität Damaskus eröffnet, dort wollte ich studieren. Wir waren die erste Gruppe – zwölf Studenten –, die das Germanistik-Studium absolviert hat.

Wissen Sie, wo die anderen jetzt sind?
Ich glaube, die meisten sind in Deutschland.

Wie sind Sie in Flensburg aufgenommen worden?
Ich bin in Boostedt bei Neumünster 20 Tage geblieben und danach wurde ich hierher geschickt. Ich bin in Flensburg seit dem 30. September.

War das eine freundliche Aufnahme in Boostedt?
Ja, auf jeden Fall in einem Camp. Die meisten sind Flüchtlinge. Es gab auch ein Schulprojekt – sie lernen Deutsch. Und ich habe ihnen beim Übersetzen und im Unterricht geholfen.

Was war der erste Schritt in Flensburg? Was haben Sie gemacht oder machen müssen?
Wir haben hier gewohnt in diesem Haus. Ich gebe auch Unterricht hier, zwei Mal in der Woche. Es kommt auch eine Deutsch-Lehrerin. Eine Deutsche hat mir sehr geholfen beim Registrieren an der Universität. Ich habe mich als Gast-Student registriert. Ich besuche jetzt einen C1-Deutsch-Kurs (Zertifikat des Goethe-Instituts – Anmerkung der Redaktion) an der Uni einmal in der Woche.

Das ist heute?
Nein, heute habe ich Vorlesung.

Worüber?
Migration und Mehrsprachigkeit. Das passt... (Er lacht). Ich komme klar. Das Studium ist schwer.

Mussten Sie am Anfang Formalitäten im Rathaus erledigen oder haben Sie in Boostedte alles gemacht, was notwendig ist, um in Deutschland bleiben zu können?
Ich habe mich in Neumünster registriert. Und ich habe dort den Termin für das Interview bekommen. Ich habe es am 13. Januar.

Wie planen Sie, Ihre Familie herzuholen? Werden Sie warten, bis Ihr Sohn etwas größer ist?
Nein, es ist besser, wenn sie jetzt kommen. Nachdem ich das Interview gemacht habe, warte ich auf den Aufenthalt. Und wenn ich den Aufenthalt bekomme, kann ich einen Termin an der Deutschen Botschaft in Beirut machen. Aber, auch das ist sehr schwer, einen Termin zu bekommen. Wenn ich den Aufenthalt bekomme, schicke ich der Botschaft eine Email. Und wir machen einen Termin. Meine Familie kommt zur Botschaft und sie bekommt das Visum. Ich glaube, das dauert lange.

Wie soll es in Flensburg für Sie weitergehen?
Jetzt mache ich den Deutsch-Kurs, C1-Kurs. Und ich wollte auch gern die DSH- oder DaF-Prüfung machen (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang und Deutsch als Fremdsprache – Anm. der Red.). Wenn ich den Aufenthalt bekomme, kann ich mich an der Uni einschreiben. Wenn ich hier Arbeit finde und an der Uni weiterstudieren kann, bleibe ich hier.

Welche Arbeit möchten Sie machen?
Ich habe nach dem Studium in Syrien viereinhalb Jahre an der Universität Deutsch unterrichtet. Ich habe auch Privatunterricht gegeben. Vielleicht als Deutsch-Lehrer oder Übersetzer oder Dolmetscher – Arabisch-Deutsch.

Sie wohnen jetzt in diesem Haus Am Dammhof seit Ende September. Sie haben ein Zimmer und teilen sich das...
... ja, wir wohnen mit acht Personen in dem Zimmer. Hier in diesem Haus wohnen 60 Personen. Die Küche ist für alle. Und auch das Bad.

Kann man es hier aushalten für eine Weile?
Es ist ein bisschen schwer. Besonders am Abend: Alle möchten kochen.

Werden Sie nach der Anhörung im Januar etwas anderes suchen?
Ja, es wäre vielleicht besser, wenn ich in eine Wohnung einziehe. Mit meinen Freunden, einem oder zwei. Oder ich nehme ein Zimmer in einer WG.

Von wem bekommen Sie Hilfe in Flensburg, wenn Sie welche brauchen?
Es gibt eine Deutsche, Christina, sie hat mir sehr geholfen.

Wünschen Sie sich auch von Behörden oder Politikern Unterstützung oder gibt es da keine Schwierigkeiten?
Keine Probleme. Nur das Wohnen ist schwierig. Zuerst war das Wohnen hier okay, nicht viele Leute.

Fühlen Sie sich noch als Gast in der Stadt?
Nein, es ist okay. Die Nachbarn haben uns sehr geholfen. Sie haben uns zum Beispiel Bücher mitgebracht, eine Tafel, Stifte, Hefte.

Wie haben Sie Weihnachten gefeiert?
Mit Freunden. Bei uns in Syrien gibt es einige, die Weihnachten feiern, aber nicht viele. Ich war schon einmal in Deutschland. Ich habe einen Deutsch-Kurs in Essen gemacht vor zehn Jahren. Und ich habe auch Weihnachten erlebt.

Haben Sie Wünsche für das neue Jahr?
Ich hoffe, dass Frieden in Syrien wird. Ich habe Angst um meine Frau und meine Kinder in Damaskus und mehr Angst um meine Eltern in Rakka.

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von
erstellt am 29.Dez.2015 | 18:44 Uhr

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