NS-Opfer Günther Paschen : "Ich ging ohne Furcht in den Tod"

Übte offene Kritik am NS-Regime - und wurde hingerichtet: Günther Paschen.
Übte offene Kritik am NS-Regime - und wurde hingerichtet: Günther Paschen.

Zum Tag des Gedenkens an die NS-Opfer: Das Schicksal des Flensburger Marineoffiziers Günther Paschen

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26. Januar 2012, 06:17 Uhr

FLENSBURG | "Ich ging ohne Furcht in den Tod. Der Tod war die Erlösung von Wochen unendlicher körperlicher und seelischer Qualen, vor deren Fortsetzung mir graute. Mein Trost, dass Dir mein Schicksal erspart geblieben ist. (…) Ich habe den hiesigen Pfarrer gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass meine Leiche nach Flensburg überführt und dort christlich beerdigt wird. Ich will hier nicht irgendwo verscharrt werden." Diese Zeilen stammen aus dem Abschiedsbrief, den der Flensburger Günther Paschen 1943 kurz vor seiner Hinrichtung in Brandenburg seiner Frau geschrieben hat. Der Kapitän zur See a.D. war "im Namen des deutschen Volkes" wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer der Nationalsozialismus am 27. Januar soll an Paschen und sein Schicksal erinnert werden.

Jahrzehntelang hatte er dem Staat in verantwortungsvollen Funktionen gedient - später wurde er dessen Opfer: Günther Paschen, hochrangiger Marineoffizier und geschätztes Mitglied des Lehrerkollegiums der Marineschule, war im Grunde seines Herzens ein Individualist und ein Mann des offenen Wortes. Auch in der Zeit, als es gefährlich, ja lebensgefährlich war, selbst leiseste Kritik an der Staatsführung zu üben, hielt er gradlinig an seiner Grundeinstellung fest. Ein Schüler von ihm, der später selbst Karriere bei der Marine machte, bezeichnete Paschen als einen "Widerstandskämpfer sui generis", eine "eigenwüchsige Persönlichkeit", einen Mann, "dem niemand in der Marine seinen Respekt verweigern wird".

Günther Paschen, 1880 in Berlin geboren, entstammte einer Familie mit einer besonders ausgeprägten Affinität zur Marine: Sein Vater war Vizeadmiral und Chef der Marinestation der Ostsee, seine Mutter Tochter eines königlich-preußischen Konteradmirals. So lag es nahe, dass auch Sohn Günther diesen Weg einschlug. 1898 trat er der kaiserlichen Marine bei, 1908 wurde er zum Kapitänleutnant ernannt. Als Artillerieoffizier des Schlachtkreuzers "Lützow" nahm er während des Ersten Weltkrieges an der Skagerrak-Schlacht teil. Unter seinem Kommando standen Operationen in der Nord- und Ostsee. Verschiedene Auszeichnungen wurden ihm verliehen, darunter das Eiserne Kreuz 1. Klasse.

1926 begann er seine Tätigkeit als Lehrer an der Marineschule in Mürwik. Dazu ein weiterer Auszug aus den Erinnerungen des Schülers: "Der bemerkenswerteste unter den Lehrern war Korvettenkapitän a.D. Günther Paschen, der Englisch und Artilleriekunde unterrichtete. (…) In seiner Artillerie experimentierte er gern und viel, um die Theorie durch die Praxis zu beweisen." Nach zehn Dienstjahren an der Schule wurde er 1936 aus der Kriegsmarine in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Paschen war mit einer Engländerin verheiratet, sprach ein perfektes Oxford-Englisch und versorgte sich mit Zeitungslektüre aus London. Er verurteilte scharf den Krieg gegen England und die antijüdische Politik Hitler-Deutschlands. Gegenüber zwei Besuchern aus Dänemark äußerte er 1943 unverblümte Kritik am NS-Regime.

Paschen wurde denunziert. Gestapo und Justiz sahen in den Äußerungen den Straftatbestand der "Wehrkraftzersetzung". Das Ehepaar Paschen wurde festgenommen - er kam ins Untersuchungsgefängnis Moabit nach Berlin, sie wurde in "Sippenhaft" genommen. Am 18.Oktober 1943 fand die Verhandlung gegen Paschen statt, die von Roland Freisler, dem fanatischen Präsidenten des Volksgerichts, geleitet wurde. Die Sitzung endete mit dem Todesurteil: "Wir alle (…) wollen mit Recht mit einem solchen ehrlosen Verräter nichts mehr zu tun haben." Paschen lehnte es ab, Hitler um Gnade zu bitten. Am 8.November 1943 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden durch das Beil hingerichtet. Seine Frau Hilda Paschen kehrte Anfang Dezember 1943 als Witwe nach Flensburg zurück. Die letzte Bitte ihres Mannes, seine Leiche in Flensburg bestatten zu lassen, konnte sie nicht erfüllen: Der Leichnam wurde - entgegen den damaligen gesetzlichen Bestimmungen - kurz nach der Hinrichtung eingeäschert und die Urne auf dem Friedhof von Brandenburg beigesetzt. Hilde Paschen ließ in Erinnerung an ihren Mann auf dem Mühlenfriedhof eine Gedenktafel errichten, auf der zu lesen war: "In ever loving memory of Günther Joachim Friedrich Paschen, murdered Nov. 8th 1943 by the Gestapo."

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