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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Hotel „Angler Hof“ in Trümmern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im November 1970 brach eine Seitenwand des Gebäudes zusammen / Lehrling stürzte mit seinem Bett ins Chaos

shz.de von
erstellt am 27.Sep.2015 | 10:07 Uhr

Das hatte Flensburg bisher nur im Krieg erlebt: Den Einsturz eines Hauses. Am Freitag, 20. November 1970, um 7.30 Uhr stürzte in der oberen Angelburger Straße ein Teil des Hotels „Angler Hof“ in die benachbarte, kurz zuvor ausgehobene Baugrube.

Ein Lehrling des Betriebes hatte Glück im Unglück. Weil die Wand fehlte und der Fußboden sich neigte, rutschte der junge Mann auf seinem Bett aus dem Zimmer und stürzte in die Baugrube. Augenzeugen halfen sofort und befreiten den Verunglückten aus dem Gewühl von Matratzen, Stühlen, Heizkörpern, Balken, Steinen, Schutt und Geröll. Der Lehrling kam mit Schürfwunden und Prellungen davon.

Später berichteten die Betroffenen von einem merkwürdigen Knistern, das im und am Haus zu hören war. Bauarbeiter auf dem Nachbargrundstück sahen dann noch, wie sich die Hauswand wölbte – und dann krachte es schon.

Durch den Einsturz der Mauer war der Blick auf die Zimmer frei. Ein Fußboden ragte schräg ins Nichts wie eine Rampe. Möbel standen an der Abbruchkante, Bilder hingen noch am Nagel. Über dem trostlosen Ambiente baumelte eine weihnachtliche Lichterkette.

„Ich hatte schon immer Bedenken wegen der Ausschachtungsarbeiten “, gab später der Hotelier des „Angler Hofes“ zu Protokoll. „Wie nach einer Explosion“, schilderte ein Passant. Feuerwehr und Polizei meinten, es sei ein glücklicher Zufall, dass nur der Lehrling beim Einsturz verletzt worden war.

Es hätte noch mehr Menschen treffen können. So stand ein 15jähriges Mädchen, ebenfalls ein Kochlehrling, an der Theke im Restaurant, als sich die Decke des Raumes zu bewegen begann. Die 15jährige erkannte die Gefahr und flüchtete zusammen mit einer 71 Jahre alten Putzfrau ins Freie. Schon vor dem Einsturz hatte sie ein verdächtiges Knacken aus Mauern und Gebälk gehört. Die Gäste hatten um die Zeit das Hotel bereits verlassen.

In der Baugrube nebenan kamen drei Bauarbeiter unverletzt davon. Auch sie hatten zunächst ein „sonderbares Knistern“ gehört. Als sie zur Wand des Hotels hoch schauten, erkannten sie, dass das Mauerwerk Beulen warf. „Flüchten konnten wir nicht“, berichtete einer der Arbeiter. „Ich dachte: Kopf einziehen und hoffen.“ Und dann prasselten vor und neben ihnen Steine und Balken in die Baugrube. Den drei Männern passierte nichts.

Die Angelburger Straße musste abgesperrt werden, damit die Feuerwehr die Fassade des Hotels abstützen konnte. Weil der Einsturz des gesamten Gebäudes befürchtet wurde, ließ die Polizei die Nachbarhäuser räumen. Feuerwehrleute „fällten“ einen frei stehenden, zwei Meter hohen Schornstein und rissen lockere Mauerteile herunter. Von einer ausgefahrenen Leiter wurde ein Fernsehgerät von einem Tisch „geangelt“. Am Tag des Unglücks wurde der Schaden auf rund 200  000 Mark geschätzt, ergänzt allerdings um die Befürchtung, das ganze Haus müsse abgerissen werden.

Die Baufirma, die auf dem Nachbargrundstück arbeitete, erklärte, vor Ausheben der Grube seien die Wände abgestützt worden. Angeblich hatte das Haus ein zu schwaches Fundament. Und als Einsturzursache wurden Erschütterungen durch den Verkehr vermutet.

Gutachter sprachen sich später gegen den Abriss aus und erklärten, der Wiederaufbau des Hauses sei möglich.

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