Flensburg : Holger H. - Lebenslang hinter Gitter?

Pause im Schwurgerichtssaal: Beim Bahnhofsmord-Prozess darf nur fotografiert werden, wenn die wichtigsten Beteiligten nicht im Raum sind. Foto: Marcus Dewanger
Pause im Schwurgerichtssaal: Beim Bahnhofsmord-Prozess darf nur fotografiert werden, wenn die wichtigsten Beteiligten nicht im Raum sind. Foto: Marcus Dewanger

Es war ein rabenschwarzer Tag für Holger H. Drei Plädoyers, eine gemeinsame Forderung nach der vierstündigen Retrospektive des "Bahnhofsmordes": Höchststrafe.

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16. Januar 2009, 10:41 Uhr

Flensburg | Wenn er je auf Gnade, auf so etwas wie Vergebung gehofft hatte - spätestens gestern um 15.20 Uhr musste der Angeklagte wohl all diese Hoffnungen fahren lassen. Und so sah er auch aus. Erschüttert, fassungslos, ins Mark getroffen - so ließ den 51-Jährigen die Abrechnung seiner ehemaligen Geliebten zurück.

Sie, mit der sich Holger H. während der fünf Jahre ihrer außerehelichen Beziehungen in Hunderten von E-Mails und SMS-Botschaften so zärtlich, so liebevoll ausgetauscht hatte, schickte ihm gestern eine letzte, eine vernichtende Botschaft. Die Botschaft einer gewaltigen Schuld mit gewaltiger Konsequenz: "Für dich wird es keinen Platz im Himmel geben. Du kannst bei Gott nicht sein!"

Indem er ihren Ehemann mit einem Kopfschuss tötete, ihn aufs Bahngleis legte, um einen Selbstmord vorzutäuschen, machte er sie zur Witwe, zwei Kinder zu Halbwaisen, zerstörte auch seine eigene Familie. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese schreckliche Tat denken muss. Du hast ihn erschossen und ihn liegen lassen. Du hast keine Hilfe geholt." Nicht im Entferntesten, sagt die zierliche, tapfer die Fassung wahrende Frau, habe sie gedacht, dass Holger H. zu so etwas Unmenschlichem fähig sein würde. Die Gewissheit, der einstige Geliebte sei jetzt ein kaltblütiger Mörder, die habe sie nicht von Anfang an gehabt. Die habe sich erst während des Prozesses gebildet.
War sein Tod am Tag der Tat längst beschlossene Sache?
Es sind bittere Fragen, denen sich der Angeklagte stellen muss. Fragen, die während der gesamten Hauptverhandlung in dieser Emotionalität nie an ihn herangetragen wurden. "Wie musst du ausgesehen haben, als du ihn über die Bahngleise gezogen hast?" Warum auf Notwehr abzielen und die Verantwortung dem Opfer aufbürden? Die Kinder leben mit dem Makel, ihr liebender Vater habe das alles provoziert. Und am Abschluss, dieser aufwühlende Appell: "Wenn noch etwas in dir von dem Menschen übrig geblieben ist, den ich einmal kannte, dann frage dich, ob du mit dieser Seele leben willst."

Marco Mainzer sprach nicht von Seele, nicht von Himmel und Hölle. Er bewertete die Fakten dieser Hauptverhandlung, wie sie sich aus seiner Sicht darstellen. All die Zweifel, die eine offensive Verteidigung der Anwälte Burkhard Gerling und Andreas Thiel aufzurichten versuchte, sie kamen bei ihm nicht an. Für Mainzer steht zweifelsfrei fest, dass H. diese Tat geplant und kaltblütig ausgeführt hat. Als Dirk K. an jenem 28. Januar zur Aussprache an den verabredeten Treffpunkt bei der abgelegenen Signalwerkstatt kam, war sein Tod beschlossene Sache. Fast schien es, als wolle er der Gegenseite Brücken bauen. Als er darlegte, dass es keinen Grund für diese Tat gab. Als er nachzeichnete, dass die Ehe des Ehepaars K. nur noch formal bestand, dass sich zwischen den ehemaligen Rivalen Freundschaft gebildet hatte, dass Dirk K. seine Frau längst aufgegeben, selbst eigene Pläne mit einer anderen Partnerin hatte.

Aber eben daraus konstruierte er die Mord qualifizierenden Beweggründe. Holger H. habe die Frau, die sich nicht aus ihrer zerbrochenen Ehe und von ihrer Familie lösen konnte, für sich allein gewollt. Der fingierte Freitod des Dirk K. hätte ihm alle Türen geöffnet, über die Rolle des verständnisvollen Trösters das Ziel zu erreichen. Alle Einlassungen des Angeklagten während des Verfahrens seien nur Taktiererei gewesen, um seine Aussage dem gerade herrschenden Erkenntnisstand anzupassen.

An dem Motiv der Heimtücke hatte Mainzer keinerlei Zweifel. Wie die Beweisaufnahme gezeigt habe, hatte Dirk K. den rechten Handschuh ausgezogen, um Holger H. zu begrüßen. Dafür, dass der als friedvoll bekannte "sanfte Riese" Dirk K. mit Wut im Bauch zum Treffpunkt gefahren sei, um H. zur Rede zu stellen, gebe es nicht den geringsten Hinweis.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag um 9.30 Uhr im Schwurgerichtssaal mit den Plädoyers der beiden Verteidiger fortgesetzt. Eine Woche später will die 1. Große Strafkammer das Urteil verkünden.

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