Denkmalschutz in Flensburg : Historie und Moderne unter einem Dach

Blick in die ehemalige Schalterhalle des Gebäudes: Hier fand Kundenberatung statt. Die Halle wurde im Laufe der Zeit in ihrer Nutzung eingeschränkt und baulich verändert.
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Blick in die ehemalige Schalterhalle des Gebäudes: Hier fand Kundenberatung statt. Die Halle wurde im Laufe der Zeit in ihrer Nutzung eingeschränkt und baulich verändert.

Das Gebäude der früheren Kreissparkasse – später Nospa – an der Ecke Rathausstraße/Südergraben steht seit 2006 unter Denkmalschutz.

shz.de von
29. März 2017, 07:34 Uhr

Das Gebäude mit der Postanschrift Rathausstraße 17-19 führte in letzter Zeit ein Mauerblümchen-Dasein. Kaum jemand nahm das Haus an der Ecke zum Südergraben gegenüber dem Stadttheater wahr, das die Kreissparkasse von 1958 bis 1963 hatte errichten lassen. Die dichte Reihung von Fenstern, rasterartig von Betonfertigteilen eingefasst, erschien vielen vielleicht als zu monoton. Die Verkleidung der Fensterbrüstungen mit sogenannten Gailschen Hohlstabverblendern – eine Keramik wie sie auch der frühere ZOB hatte – fand niemand bemerkenswert. Auch nicht die drei ineinander greifenden Flachdach-Baukörper, bestehend aus vier Geschossen entlang der Rathausstraße, sechs Geschossen mit Staffelgeschoss am Südergraben und eigenwillig zurückgesetztem Treppenturm an der Ecke. Am 17. Februar 2006 erfolgte die unerwartete Aufwertung: Denkmalschutz.

Der Bau ist ein qualitätsvoller, gut erhaltener Vertreter der Nachkriegsmoderne und stammt von einem für Schleswig-Holstein wichtigen Architekten – so könnte man die Begründung für den Eintrag ins Denkmalbuch zusammenfassen. „Die kubischen Baukörper sind zu einer lebendigen Baumasse zusammengefügt worden“, erklärt Eiko Wenzel, Denkmalpfleger in Flensburg. Die großen Fenster verleihen dem Gebäude seiner Meinung nach „Leichtigkeit und Eleganz“. Ins Schwärmen gerät Wenzel, studierter Architekt, wenn er über Georg Rieve, den verantwortlichen Architekten, spricht. „Was der sich getraut hat!“ Als Beispiel führt er Rieves Einsatz von Flachdächern bereits in den 20er Jahren an. Üblich waren in Flensburg Steildächer. Die neue Landwirtschaftsschule an der Schleswiger Straße, heute Katasteramt, und der Neubau des Franziskus-Hospitals, von dem nur die Kirche erhalten ist, sowie eine Arztvilla in Weiche sind Beispiele für Rieves frühe Architektur. Sie orientiert sich an den Vorbildern des Bauhaus-Stils – allerdings durch Ziegelgewänder regional abgewandelt. Außerdem rettete Georg Rieve Noldes Atelierhaus in Seebüll, nachdem der Maler sich dort selbst als Architekt versucht hatte. Das Deutsche Haus wiederum stammt vom Bruder, Theodor Rieve.

In den 50er Jahren zählte Georg Rieve zu den ersten Architekten, die den neuen Stil der Nachkriegsmoderne umsetzten. Da Flensburg den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden überstand, hat dieser Stil vor allem in der Innenstadt Seltenheitswert. Gegen 1955 tat sich Georg Rieve, über den es keine Monografie gibt, wie Wenzel bedauernd feststellt, mit einem Kollegen, Karl-Heinz Sönnichsen, zusammen. Das Büro zeichnete verantwortlich für den früheren ZOB (1955), den einstigen Firmensitz von Bommerlunder (1962-64) und das Versandhaus von Beate Uhse (1967-69). Nicht alles davon ist erhalten. Wahrscheinlich wäre der ZOB von Rieve/Sönnichsen mit seiner Rotunde nicht vollständig aus dem Stadtbild verschwunden, hätten beim Bau des neuen Busbahnhofs ab 1996 andere das Sagen gehabt. Das jedenfalls vermutet Rieve-Fan Eiko Wenzel.

Immer noch herrscht reger Baubetrieb an der Rathausstraße zwischen Holm und Südergraben. 2013 verkaufte die Nord-Ostsee Sparkasse den gesamten Gebäudekomplex an die Immobilienfirma MIB mit Hauptsitz in Leipzig. Zwischen dem historisierenden Eckhaus und dem denkmalgeschützten Gebäude aus den späten 50er Jahren befindet sich ein schmales Zwischengebäude aus den 80er Jahren. Auch das gehört zu dem verkauften Komplex. Insgesamt 1400 Quadratmeter für den Handel und 4500 an Bürofläche entwickelte die Firma daraus (wir berichteten). Die Eröffnung ist für den Frühsommer geplant. Denkmalgeschützte Gebäude sieht die MIB laut eigener Website nicht als Hindernis, sondern als Chance, Gewachsenes mit zeitgemäßen Ideen zu verbinden. „Für das Flensburger Projekt stand die Handelsnutzung klar im Vordergrund“, sagt Projektleiter Rainer Schiemann. „Für das hintere, unter Denkmalschutz stehende Gebäude konnten wir als Mieter ein Call Center, eine Computerfirma und ein Büro für Erwachsenenbildung gewinnen.“

Mit dem Umbau wurde das Architektenbüro AX5 mit Sitz in Kiel und Flensburg beauftragt. „Aus denkmalpflegerischer Sicht war nur die Hülle des 50erJahre-Baus zu erhalten“, erklärt Architekt Detlev Struve von AX5. „Durch die vielen Fenster hatten wir keine Schwierigkeiten, Licht in die Innenräume zu bekommen. Ein schönes ellipsenförmiges Treppenhaus blieb ebenfalls erhalten. Wir finden die Architektur des Gebäudes insgesamt zurückhaltend und proportional stimmig“, lobt Struve.

Viele hätten gemeint, so der Architekt, dass das weiße Eckhaus am Holm mit seinem markanten Erker und Turm Denkmalschutz genieße. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Bau aber um eine in den 1980er Jahren entstandene freie Rekonstruktion eines Wohnhauses von 1852.

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