Treppen in Flensburg : Hinauf zur Burg des Königs

Aus der nördlichen Altstadt über 101 Stufen hinauf nach Duburg. Fotos: Michael Staudt (3)
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Aus der nördlichen Altstadt über 101 Stufen hinauf nach Duburg. Fotos: Michael Staudt (3)

Auf Duburg stand einst eine Zweitwohnung des dänischen Herrschers und überragte die Stadt

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05. September 2017, 10:25 Uhr

Wer Flensburgs Innenstadt zu Fuß erkundent, trifft trifft früher oder später auf mehr oder minder imposante Treppen: Die bekanntesten von ihnen stellen wir in einer kleinen Reihe vor. Heute: Die Marientreppe.

Per Treppe Flensburger Hügel erobern: Nach dem Stadtteil Jürgensby und der Großen St.-Jürgen-Treppe nun auf die Westseite der Stadt: Rauf geht es über die Marientreppe. Sie beginnt an der Norderstraße direkt neben der dänischen Zentralbibliothek. Die wirkt mit ihrer modernen Architektur etwas unpassend im Bild der Altstadt-Straße, aber so war das in der Nachkriegszeit. Später, als dieser Teil der Stadt Sanierungsgebiet war, wäre ein solcher Neubau wohl nicht passiert.

Flensburg-Besuchern ist zu raten, ihr Auto auf der Schiffbrücke abzustellen. Der schönste Weg zur Norderstraße führt durch den Oluf-Samson-Gang oder den Herrenstall, zwei liebliche, schön hergerichtete Altstadtgassen. Dem Besucher sei verraten, dass der „Oluf“vor noch nicht allzu langer Zeit Bordellgasse war. Am oberen Ende des Herrenstalls wird diese bauliche Charme-Offensive gleich wieder konterkariert durch den klotzigen Neubau des Gesundheitsamtes. So etwas passierte noch in den Zeiten, in denen bereits auf das Stadtbild geachtet wurde.

Einmal den Blick schweifen lassen – und schon kommt das untere Ende der Marientreppe in Sicht. Also dann, was wartet auf den wohl trainierten Flensburg-Besucher? 101 Stufen. Mit dieser Angabe ist die Marientreppe sogar in Google maps vermerkt. Diese Prominenz hat nicht einmal die deutlich größere St.-Jürgen-Treppe erreicht (145 Stufen).

Nach den ersten Metern des Anstiegs lohnt es sich, anzuhalten und einen Blick zurückzuwerfen. Aus dieser Position eröffnen sich zu den Seiten hin Einblicke in die verschachtelten Höfe der Häuser an der Norderstraße. Vor Jahrzehnten wäre dieses Gewimmel noch viel dichter gewesen, als auf den Hinterhöfen jeder Quadratmeter mit Anbauten, Schuppen und Buden ausgenutzt war. Doch es war Prinzip der Stadtsanierung, diesen baulichen Krimskrams abzuräumen. Das markige Fachwort der Stadtplaner dafür heißt „entkernen“, es sollten Licht und Luft an die Häuser kommen.

Ein paar Stufen hinauf zweigt nach rechts und links der Rummelgang von der Marientreppe ab. Der Bummel dort bietet Blicke auf alte Höfe und Rückseiten-Fassaden, manchmal mit dem Hauch von Altstadt vor der Sanierung. Richtung Norden endet der Rummelgang in einem Hof der Norderstraße – sogar mit romantischer Gaslaterne. Der Ausgang führt auf die Schlossstraße. Nach Süden hin führt der kleine Gang zur Toosbüystraße und damit zurück in den Trubel der Altstadt.

Aber es bleiben noch einige Stufen der Marientreppe nach oben. Wer jetzt das Gefühl angestrengter Oberschenkelmuskeln und einer intensiv arbeitenden Lunge verspürt, soll wissen: Das war einst in dieser Hanglage Absicht. Oben auf dem Berg stand die Duburg, Flensburger Sitz der dänischen Könige. Und wer aus der Stadt zum Herren kam, der brachte mit der Erschöpfung gleich eine Portion Demut mit. Ein anderes Beispiel für den Auftritt des Herrschers: Kam der König von Kopenhagen nach Flensburg, hatten die Bürger ihre Betten auf die Burg zu bringen.

Nach dem Gang durch einen Blättertunnel endet oben die Treppe am Schlosswall, Naja, es war eher eine Burg statt eines strahlendes Schlosses auf der Höhe – Versailles war hier nie. Den Charakter von Burg strahlt oben die Häuserreihe aus – soll sie wohl auch. Der Reihe nach: Der Kasten aus rotem Ziegel am südlichen Ende der Straße ist eine Schule. Über dem Portal steht der Schriftzug „Duburg-Schule“, darunter „Städtische Handelslehranstalt“. So richtig erfüllt das Schulgebäude nicht mehr die Anforderungen der modernen Zeit, aber alle Gedanken an Veränderung hält der Denkmalschutz im Zaum. Es lohnt sich, einmal um die Ecke zu gehen. Über dem Seiteneingang ist ein Relief plaziert. Es zeigt die Duburg – Kunst am Bau mit historischem Anklang.

Das zweite Haus in der Reihe ist ein stattliches Wohnhaus. Was muss der Bewohner der obersten Etage für einen traumhaften Blick über die Stadt haben. Aber möchte man wirklich den Wocheneinkauf aus dem Auto nach oben schleppen? Apropos: Auto: Die Suche nach einem Parkplatz kann zu manchen Tageszeiten zur Verzweiflungstat werden. Die Häuserreihe endet mit Duborg-Skolen, das Gymnasium der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig: ein durchgestalteter Altbau und seine moderne Erweiterung. Dieser Klotz beherrscht im wahrsten Sinne des Wortes das Bild der Hangkante über der Flensburger Altstadt. Hat in einer Stadt, die über Jahrhunderte zum dänischen Königreich gehörte, der Architekt der Minderheit mit diesem Bau an die einstigen Herrschaftsverhältnisse erinnern wollen? Lästerzungen sagen zudem, wenn die Minderheit zu bestimmten Anlässen flaggt, gibt es nirgendwo in der Stadt einen so großen Danebrog wie den auf Duborg-Skolen. Derzeit laufen im Schulgebäude Umbauarbeiten. Die stören keinen Denkmalschutz. Das hat der Bau seinem Nachbarn zwei Häuser weiter voraus.

Zum guten Schluss noch ein Bummel oberhalb des Hanges. Unterhalb der dänischen Schulgebäude ist eine Aussichtsplattform angelegt, die eine beeindruckenden Sicht auf die Hafenausfahrt bietet. Entlang des Schlosswalls hatte der Passant einst Ansichten der östlichen Stadtteile, die schön waren wie Postkarten. Eine Lücke im Blättergewirr ist die letzte Erinnerung daran. Jetzt ist der Hang zugewuchert von Büschen und Bäumen. Hier würde die Motorsäge gute Dienste leisten. Allerdings würde der öko-gestimmte Bürger wohl „Frevel“ schreien. Welchen Stellenwert hat schon das Stadtbild? 

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