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Flensburger Tageblatt

20. August 2017 | 02:31 Uhr

„Hier lass ich mich trösten“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Über die Arbeit des Kinder- und Jugendhospizdienstes am Katharinen-Hospiz am Park

Die Hilfe im Advent ist dieses Jahr sowohl Hilfsaktion für Kinder und Familien als auch für ältere Menschen in Notlagen. Der Verein Schutzengel, der Kinderschutzbund, der Kinderhospizdienst beim Katharinen-Hospiz am Park und der Bürgerfonds „Flensburg hilft“ von Diakonischem Werk, Stadt und Tageblatt haben sich zum dritten Mal zusammengetan, um Menschen in Notlagen in Flensburg und Umgebung helfen zu können.

Hilferufe an das Kinder- und Jugendhospiz, wie sie immer wieder eingehen: „Mein Mann liegt wieder im Krankenhaus, und ich weiß nicht, wie ich mit meinen Kindern darüber reden soll, dass er bald sterben wird.“ – „Das Kind meiner Freundin ist schwer erkrankt. Ich glaube, die Familie braucht Unterstützung.“ – „Mein Vater ist im letzten Jahr gestorben, und meine Tochter ist immer noch so traurig.“ – „Ich würde gerne mit meiner Schulklasse das Hospiz kennenlernen.“

Das Kinder- und Jugendhospiz kann Hilfe geben. Jede Anfrage, jede Beratung, jede Begleitung ist anders. Die Unterstützung richtet sich nach den Bedürfnissen der Familie.

Der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst ist ein Angebot des Katharinen-Hospiz am Park. Er umfasst die Beratung, Unterstützung und Begleitung von Familien, die sich mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer auseinander setzen müssen. An den Dienst können sich wenden Familien mit einem schwerst erkrankten Kind oder Jugendlichen, Familien mit einem schwerst erkrankten oder sterbenden Elternteil, trauernde Kinder, Jugendliche und ihre Angehörigen sowie Kindertagesstätten und Schulen.

Im ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst arbeiten vier hauptamtliche Mitarbeiter, und 33 ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen gemeinsam die Familien.

Es klingelt an der Tür des zum Hospiz gehörenden Tom-Christiansen-Hauses. Kinder einer vierten Klasse kommen – vorsichtig, leise, unsicher. Doch das ändert sich schnell. Sie erobern die Sitzkissen und Decken auf dem Fußboden. Kichernd, neugierig, aber ernsthaft sprechen sie bald über Verluste. Abschiede haben sie schon fast alle erlebt – und deshalb können sie die anderen auch verstehen: die Traurigkeit, die Fragen, die Wut. Und dann kommt noch ein besonderer Beitrag: „Ich habe meine Heimat verloren, und ich weiß nicht, ob meine Großeltern in Syrien noch leben.“ Es ist berührend, wie die Nachbarin vorsichtig den Arm streichelt, der Schulkamerad einfach näher ’ran rutscht, ein Junge sagt: „So was kennen wir anderen gar nicht.“ Gemeinsam reden sie über Trost, darüber, wo die Verstorbenen sind.

Die Zitate einiger Schüler aus einer ersten Klasse machen deutlich, was die Kindergarten- und Schularbeit bewirken kann: „Wenn ich groß bin, dann komme ich auch hier her und lass mich trösten“, sagt ein Siebenjähriger. „Man kann auch richtig wütend auf den Gestorbenen sein“, meint ein gleichaltriges Mädchen. Es ist immer erstaunlich und berührend, wie offen, ehrlich und leicht Kinder und Jugendliche sich dem Thema stellen können.

Es ist alles anders, wenn ein wichtiger Mensch gestorben ist. In den Trauergruppen kommen Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren und Jugendliche von zehn bis 14 Jahren regelmäßig zusammen. Die meisten haben die Mutter oder den Vater, einige von ihnen einen Bruder, eine Schwester, Oma oder Opa verloren. Sie sind traurig, sie weinen. In den Trauergruppen spielen Rituale, Kreativität, Erzählen und Zuhören eine wichtige Rolle.

So erzählt Max, 13 Jahre: „Man kann in einer Trauergruppe alles erzählen, was einen bedrückt. Es ist auch schön zu wissen, dass man nicht alleine ein Elternteil oder ein Familienmitglied verloren hat.“

Familiencafé im Dezember – das Haus ist geschmückt. Die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen haben gebacken, dekoriert, etwas zum Basteln vorbereitet. Um 15 Uhr ist es soweit: Die ersten Familien mit einem erkranktem Kind stehen vor der Tür und werden freudig hereingebeten.

Schnell füllen sich die Räume: Die Rollstühle stehen neben dem Weihnachtsbaum, die Eltern freuen sich auf den Austausch bei Kaffee und Kuchen, die Geschwister laufen durch die Räume, basteln, spielen und sind aufgeregt. Der Nikolaus kommt. Ein Junge fragt: „Nikolaus, du hast doch magische Kräfte. Und ich habe nur einen Wunsch: Kannst du meinen Bruder gesund machen?“ Dieser Wunsch erfüllt den Raum, berührt alle. Der Nikolaus spricht behutsam mit dem „kleinen“ Bruder, der in diesem Moment doch so groß ist. Gemeinsam wird gesungen, es werden Gedichte aufgesagt, für jedes Kind und jeden Jugendlichen ein Geschenk aus dem Sack geholt. Alle fühlen sich beschenkt von der Offenheit, der Nähe, den Gesprächen, dem Lachen und Spiel der Kinder.

Zuhören, Bleiben, Klärung und Information, Weinen und Lachen, Singen, Spielen, große und kleine Menschen, jeden wichtig und ernst nehmen – das füllt die Arbeit im ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst. 


Birgit Rath-Röhlk ist Koordinatorin im Kinder - und Jugendhospizdienst.

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erstellt am 17.Dez.2016 | 18:07 Uhr

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