Langballig/Schleswig : Hier hat jeder seinen Platz

asmus christesen
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Verblüffend einfach: Wie Inklusion bei den Freiwilligen Feuerwehren gelingt.

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09. Februar 2018, 13:27 Uhr

Sie sind gesellschaftlich eine Macht, übernehmen freiwillig schwierigste Arbeiten, löschen Brände, bergen Unfallopfer, helfen mit Technik und Fachwissen, wo Hilfe gebraucht wird. Rund 7000 Frauen und Männer engagieren sich in den 178 Freiwilligen Feuerwehren im Kreis Schleswig-Flensburg. Und sie schaffen ganz selbstverständlich, was mit Blick auf Bildungslandschaft, Schulen und Kindergärten heiß diskutiert wird: Inklusion.

Inklusion – das kommt von inklusiv, von dazugehören. Die Idee: Jeder soll ungeachtet von Herkunft, Religion, besonderen Fähigkeiten oder Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Bei Asmus Christesen, Gemeindewehrführer in Langballlig, klingt das so: „Wer zu uns kommt, kann mitmachen.“

Natürlich, gerade bei der Feuerwehr gebe es besonders verantwortungsvolle und auch schwierige Aufgaben, die spezielles Wissen oder eine Ausbildung – zum Beispiel beim Atemschutzgerät – voraussetzen. „Da werden dann nur die entsprechend ausgebildeten Kameraden eingesetzt.“ Aber grundsätzlich sei jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten hilfreich im Team der Feuerwehr. Auch Menschen mit Behinderungen? Leute, die psychisch, geistig oder körperlich beeinträchtigt sind? „Na klar“, sagt der erfahrene Oberbrandmeister. Einzige Einschränkung: „Die Feuerwehrunfallkasse hat Einwände. Dann geht es natürlich nicht“ – etwa, weil das Gesundheits- oder Kostenrisiko unangemessen hoch sei. „Bei Prothesen-Trägern kann das der Fall sein.“ Ansonsten findet jede Frau, jeder Mann, die ihren Beitrag leisten wollen, einen Platz in der Truppe.

Damit ein gutes Miteinander gelingt, braucht es allerdings bestimmte Rahmenbedingungen. „Wichtig sind klare Zuständigkeiten und eindeutige Aufgabenzuweisungen“, betont Christesen. Jeder bekommt genau gesagt, was er zu tun hat. Und da gibt es viel: Im Ernstfall die Einsatzstelle zu sichern, ist genauso wertvoll, wie die Wasserversorgung aufzubauen, Geräte zu warten, Maschinen zu pflegen und zu bedienen oder als Atemschutzgeräte-Träger in den Einsatz zu gehen. Wenn es brennt – tatsächlich oder im übertragenen Sinn –, muss jede Position zuverlässig besetzt sein. Nur so kann alles reibungslos funktionieren. Und davon hängen im Zweifel Leben oder hohe Vermögenswerte ab. Damit ist klar: Wer zur Feuerwehr gehört, muss seine Aufgabe beherrschen und sie zuverlässig und verantwortlich ausführen.

So stehen regelmäßige Übungen auf dem Programm. „Im Schlaf“ solle jeder im Team die Abläufe und seine Handgriffe kennen. „Und dann macht das Miteinander ja auch Spaß“, sagt Christesen, der als Softwareentwickler beruflich viel unterwegs ist. Die Feuerwehrarbeit als Ausgleich möchte er auf keinen Fall missen: die Übungen mit der Gruppe, Veranstaltungen, Hilfseinsätze. „Das bringt mich auf völlig andere Gedanken.“

Seit drei Jahren ist Asmus Christesen Wehrführer, 25 Jahre gehört er zur Freiwilligen Feuerwehr. Von den 46 Aktiven seiner Truppe kommen zwei Männer aus einer Einrichtung für Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung. Seit zwei Jahren ist ein Geflüchteter aus dem Irak dabei. Und „wir sind froh, dass wir sie haben.“ Nicht zuletzt, weil die Kollegen tagsüber ansprechbar sind und etwas tun können, wenn viele andere noch arbeiten. Besondere Rücksichtnahme oder gar der Gedanke, einzelne Kameraden anders zu behandeln als die übrigen Kollegen, sei überhaupt kein Thema. „Wir haben schlicht und ergreifend gut davon, dass wir sie haben. Sie gehören dazu.“ Und das auch bei allen Veranstaltungen, Festen – eben dem „ganz normalen Leben“.

Gibt es diese selbstverständliche Gemeinschaft in allen Freiwilligen Feuerwehren? Der Oberbrandmeister lächelt. „Da wird gar nicht drüber geredet.“

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