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Mensch des Jahres 2015 : Herausragendes Engagement

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Refugees Welcome“: Die Flüchtlingshelfer vom Bahnhof werden mit großer Mehrheit zu „Menschen des Jahres“ gewählt.

shz.de von
erstellt am 26.Nov.2015 | 00:32 Uhr

Flensburg | Gespannte Erwartung im Medienhaus des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z). Während das mit fünf Querflöten besetzte Ensemble von Friederike Verfürth als musikalische Einstimmung schwungvolle Weisen zelebriert, bewegt nur eine Frage die knapp 100 Besucher im Saal: Wer wird bei der Wahl zum „Menschen des Jahres“ die Nase vorn haben?

Vier Kandidaten, die sich allesamt durch ein herausragendes Engagement in der Region auszeichnen, sind nominiert. Doch viele der Beteiligten haben bereits im Vorfeld einen Favoriten ausgemacht – und der ist mit einer eindrucksvollen Mannschaft erschienen: „Refugees Welcome“, die als Helfer vom Bahnhof weit über die Stadt Aufsehen erregt und große Anerkennung geerntet haben, sind gleich mit 30 Vertretern zu der Ehrung geströmt. Und tatsächlich kann die Initiative an diesem Abend die Früchte ihrer aufopferungsvollen Arbeit ernten. Mit einer überwältigenden Mehrheit an Stimmen haben die Leser des Flensburger Tageblatts sie auf den ersten Platz gehoben. Spontaner, anhaltender Applaus ist ihr gewiss.

Laudator Werner Reinhart wagt eine Prognose: „Der Sommer der Solidarität und die Flüchtlingshilfe vom Bahnhof werden in die Geschichte eingehen“, sagt der Präsident der Europa-Universität. Schließlich sei er kein Historiker, als Amerikanist aber dürfe er so etwas vorhersagen. Reinhart selbst ist wiederholt Augenzeuge des Geschehens rund um den Flensburger Bahnhof gewesen. „Ich sah frierende Kinder, hungernde Flüchtlinge, erschöpfte Menschen.“ Und er sah viele helfende Hände. Das Engagement der Ehrenamtler sei von „kollektiver Relevanz“, sagt er, tief beeindruckt von dem Gemeinschaftssinn, „vor dem ich mich nur verneigen kann“.

Mindestens 45  000 Geflohene sind in den letzten zwölf Wochen betreut und versorgt worden – mit Getränken, Obst bis hin zu Windeln, erinnert Reinhart. Und da viele Helfer sich noch in einem „studierfähigen Alter“ befänden, tituliert er sie in Anlehnung an Bertolt Brecht als „Söhne und Töchter Courage“. Sie hätten eine zutiefst humanitäre Haltung an den Tag gelegt – „auch politisch durch und durch“. Im Sog dieses Vorbilds, so Reinhart, habe die ganze Stadt weltoffen und kosmopolitisch reagiert. Man habe Flagge gezeigt gegen Intoleranz und Denkverbote. „Sie haben Licht gebracht, wo Dunkelheit eine Gefahr war“, ruft Reinhart den Helfern zu. Simone Lange, SPD-Landtagsabgeordnete und ständig präsente Organisatorin am Bahnhof, lobt sie als Menschen, die alles geben und nicht selten über ihre physischen Grenzen hinausgehen. „Diese Ehrung“, sagt sie, „erfüllt uns mit besonderem Stolz.“

Zuvor wird auch das Engagement der anderen drei Nominierten gewürdigt: Der Förderverein zur Erhaltung der St.-Jürgen-Kirche, der 140  000 Euro zur Sanierung des Gotteshauses zusammenbrachte, der Lebensretter Florian Lange aus Handewitt, der einen Familienvater bei einer Kanufahrt auf der Treene vor dem Ertrinken rettete, und nicht zuletzt Friedrich Engberding, dessen Verein „MS mobil“ allein 320  000 Euro sammelte, davon zwei speziell ausgestattete Wohnmobile erwarb und sie an Erkrankte verleiht.

Jürgen Muhl, stellvertretender Chefredakteur des sh:z, unterstreicht den Stellenwert der Aktion „Menschen des Jahres“. Es gebe im Verbreitungsgebiet der 16 Zeitungstitel konstant steigende Einsendungen, sagt er. Seien es anfangs eher Unternehmer wie Günther Fielmann gewesen, die im Fokus standen, würden jetzt primär Menschen vorgeschlagen, die helfen. „Es gibt genug Anlass, an dieser Aktion festzuhalten“, bekräftigt er. Für den Partner, die Flensburger Brauerei, erklärt Sprecherin Sara Sausmikat-Theilen, die Lebenshaltung der Kandidaten sei vorbildlich. „Und die erlebte Dankbarkeit ist ein Lohn, der mit Geld nicht zu ersetzen ist.“ Oder, um es mit den Worten von Werner Reinhart zu sagen: „Wir brauchen diejenigen, die fähig sind zur Empathie!“

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