Grenzstadt : Henrik Vestergaard ist Flensburgs deutschester Däne

In zwei Kulturen zu Hause: Henrik Vestergaard, aufgewachsen an der Friesischen Straße, wohnt heute in Harrislee, wo er sich im Wohnzimmer vor seiner Ahnengalerie fotografieren ließ. 1967 hat er zehn Monate auf den Färøer Inseln seinen dänischen Wehrdienst geleistet. Rote Mützen bekamen dort die Unverheirateten, blaue die Verheiratenen.
In zwei Kulturen zu Hause: Henrik Vestergaard, aufgewachsen an der Friesischen Straße, wohnt heute in Harrislee, wo er sich im Wohnzimmer vor seiner Ahnengalerie fotografieren ließ. 1967 hat er zehn Monate auf den Färøer Inseln seinen dänischen Wehrdienst geleistet. Rote Mützen bekamen dort die Unverheirateten, blaue die Verheiratenen.

Vestergaard ist in Jütland geboren, in der Minderheit aufgewachsen, und hat in Flensburg fast unbemerkt viel dänische Kultur etabliert.

shz.de von
30. Dezember 2017, 06:27 Uhr

Flensburg | Sie haben es zunächst wohl für einen seltsamen Scherz eines komischen Dänen gehalten: Hoteliers von der Flensburger Förde haben Henrik Vestergaard (70) einst nach einem guten Tipp gefragt, wie man den immer zahlreicher buchenden dänischen Gästen auf nette Art und Weise die Gastfreundschaft signalisieren könne. Das sei ganz einfach, sagte der Flensburger mit dem dänischen Pass: Am frühen Silvesterabend solle man den größten Fernseher, den man finden könne, in die Hotelhalle tragen. Dann lade man alle dänischen Gäste um 17 Uhr zum Sektempfang – und um 18 Uhr sehe man sich dann gemeinsam die Neujahrsansprache von Königin Margarethe an, die immer live gesprochen werde.

„Das ist das, was uns zusammenschweißt“, sagt Henrik Vestergaard, der an der Friesischen Straße und am Nordermarkt aufgewachsen ist – als Mitglied der dänischen Minderheit: „Das ist Kult bei den Arrivierten.“ Vestergaards Tipp kam großartig an: „Die waren alle in großer Abendrobe da, haben Hurra gerufen und waren alle happy.“

Es ist nur einer von vielen dänischen Impulsen, die Vestergaard für das Miteinander von deutscher Mehrheit, dänischer Minderheit und den Gästen nördlich der Grenze gesetzt hat. Das dänische Weihnachtsmannwecken – immer zum 1. Advent an der Großen Straße und diesmal sogar mit Oberbürgermeisterin Simone Lange als Gehilfin und Animateurin für die mehr als 100 anwesenden Kinder – ist ein anderer. Hilfreich dabei: Vestergaards österreichischer Nachbar, ein Sänger am Landestheater, bot sich an, im Weihnachstmannkostüm die Hauswand hochzuklettern.

Schwarzes Schaf der Minderheit

Vestergaard ist Flensburgs deutsch-dänisches Original. Stadtführer nicht nur, aber vor allem für Gruppen aus Dänemark, Dänischlehrer für alle, die in Flensburg etwas von der Sprache und Kultur des nördlichen Nachbarn verstehen möchten. Kein Wunder, dass zu seinen Schülern Unternehmer, Bürgermeister und Politiker aus dem ganzen Landesteil zählen – und dass sogar Teilnehmer aus Süddeutschland zu seinen höchst unterhaltsamen Wochenendkompaktkursen in die Flensburger Volkshochschule am Nikolaikirchhof kommen.

Seit gut zwei Jahren hat der Mann, der sich auch schon mal als Schwarzes Schaf der Minderheit bezeichnet, auch einen deutschen Pass. Schwarzes Schaf? Minderheit – das sei immer das, was aus Kopenhagen finanziert werde, habe ihm einmal ein Funktionär erklärt. Daraus folgerte Vestergaard: Wenn das so sei, dann könne er nicht zur Minderheit gehören. „Ich bekomme mein Geld nicht aus Kopenhagen.“

Deutscher Pass ohne weitere Fragen

Bei seiner Einbürgerung in Schleswig sollte sich Vestergaard dem üblichen staatsbürgerkundlichen Fragentableau unterziehen. Doch der Harrisleer konfrontierte die Tester mit einer Gegenfrage: Ob sie wüssten, von wem das Zitat stamme, man könne nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen? Die Einbürgerungstester wussten die Antwort nicht: Es war Hermann Höcherl, Bundesinnenminister von 1961 bis 1965. Danach wurde offenbar beschlossen, Henrik Vestergaard den deutschen Pass ohne weitere Fragen zu ermöglichen. Dem Mann, dessen Opa Flensburgs erster Polizeichef nach 1945 war und dessen Kinder bei der deutschen Bundeswehr dienen. Die Geschichte der Vestergaards ist eine sehr deutsch-dänische.

Überhaupt die Einbürgerung. Dazu, dass Flensburg die Einbürgerung seit ein paar Jahren mit einer kleinen Feier zelebriert, hat Henrik Vestergaard auch einen Impuls gegeben. Dass die Einbürgerung ohne polizeiliche Maßnahmen in der Tat gefeiert werde, und bei der Fragerunde Kaffee gereicht wird und Blumen auf dem Tisch stehen, sei in Dänemark schon lange Tradition. Dies zeige die positive Einstellung der in Ausländerangelegenheiten zuletzt viel gescholtenen Dänen: „Dort machen wir den Test in der Hoffnung, dass die Leute, die kommen, auch voll integriert werden“, sagt der Mann mit dem Doppelpass.

Fahrradfähre als touristisches Lieblingsprojekt

Seit 2004 hat der Touristenführer mit zahllosen Veröffentlichungen in dänischen Zeitungen wie Jyllands Posten und Jydske Vestkysten dazu beigetragen, dass Flensburg immer beliebter als Städtereiseziel der Dänen wurde. Wer mit Vestergaard durch die Stadt zieht, kann von ihm zahllose Geschichten hören – zum Beispiel die, warum Hans Christian Andersen sich die Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzern zwar in Flensburg ausdachte, dann aber doch nur für eine Nacht in der Stadt blieb.

Touristisches Lieblingsprojekt des Stadtführers bleibt die deutsch-dänische Fahrradfähre über die Förde nach Brunsnæs. Damit könnte der Fahrradtourist zum ersten Mal rund um die Förde radeln. Nur ein bisschen mehr als eine Seemeile müsste so eine kleine Fähre zwischen Holnis und der dänischen Seite zurücklegen. Doch das Projekt kam und kam nicht aus den Startlöchern. Vestergaards Kommentar: „Die Flensburger Förde ist so etwas von einem trägen Wasser.“ Mittlerweile gibt es für das Projekt an anderer Stelle Hoffnung: In Langballigau gibt es Interesse. Henrik Vestergaard ist es gewohnt, dicke Bretter zu bohren.

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