"Radio 112" : Heiße Hits und Feuerwehr-News

Hat inzwischen einen Zehn-Stunden-Tag: Programmchef und Moderator Olli Sachse am Mikro in seinem Dachstudio in Geel. Foto: harding
Hat inzwischen einen Zehn-Stunden-Tag: Programmchef und Moderator Olli Sachse am Mikro in seinem Dachstudio in Geel. Foto: harding

Brandschutz, Rettungswesen und RocknRoll: "Radio 112" aus Brodersby ist täglich 24 Stunden on air. Die Sendezentrale sitzt unterm Dach eines alten Bauernhauses.

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11. August 2011, 09:03 Uhr

Brodersby | Das multimediale Herz der Feuerwehr schlägt in Angeln, genau genommen im kleinen Brodersbyer Ortsteil Geel - in einem Dachzimmer mit Blick über Mais- und Getreidefelder bis zur Schlei. Herr über Mischpult, Monitore und Mikro ist Olli Sachse. Von der Dachstube eines alten Bauernhauses aus, in dem der 39-Jährige mit Ehefrau Babett und drei Hunden wohnt, sendet "Radio 112", das einzige Feuerwehr-Radio Deutschlands - ein Vorzeigeprojekt in Sachen Internet-Radio.
Sachse war nie professioneller Radiomacher, und dennoch gelang ihm mit einigen Mitstreitern, wovon so mancher Internetradio-Profi träumt: ein formidabler Start in kürzester Zeit. Denn seine Fangemeinde hat der Spartensender in nur gut zwei Jahren aufgebaut. An den Start ging "Radio 112" am 1. März 2009. Schon anderthalb Jahre später konnte Sachse bereits einen Förderpreis für sein Engagement zur Steigerung der Attraktivität des Ehrenamtes aus der Hand des Bundesinnenministers entgegen nehmen. Und inzwischen erreicht der Sender mit seinem 24-Stunden-Programm bis zu 20.000 Hörer täglich.
Kooperationen mit allen, die Blaulicht haben und nicht Polizei sind"
Von ungefähr kommt der rasche Erfolg nicht, denn die Zielgruppe, die Sachse und seine rund 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter gewählt haben, ist wohl organisiert. Die Zahl der an Feuerwehr-Themen potenziell Interessierten schätzt Sachse auf rund 1,5 Millionen - ehrenamtliche Helfer, die bundesweit in lokalen freiwilligen Wehren aktiv sind oder diese unterstützen. Zudem sind die Feuerwehren untereinander bestens vernetzt, so dass sich die Existenz des Senders in Fachkreisen schnell herumsprach.
Inzwischen kooperiert Sachse auch mit zahlreichen anderen Hilfsorganisationen - "mit allen, die Blaulicht haben und nicht Polizei sind", sagt er. Deren Angehörige schalten nicht nur den Rechner ein, um "Radio 112" zu hören, sondern sind zudem wichtige Impulsgeber für das tägliche Programm. Auch Firmen beteiligen sich inzwischen an der Programmgestaltung. Wie beispielsweise namhafte Produzenten von Feuerwehrfahrzeugen oder anderen Rettungsmitteln, die für eigenproduzierte Produktinformationen Sendezeit reservieren und so den Radiobetrieb mitfinanzieren.
Zehn Mal Robbie Williams am Tag- das machen wir nicht."
Fachinformationen zu Feuerwehr, Rettungsdienst und anderen sozialen Dienstleistungen sind ein wichtiger Teil des Programms, den Löwenanteil machen jedoch wie bei den meisten Radiosendern Musiksendungen aus - nicht ohne eigenen Anspruch. "Gutes besser machen und das, was andere schlecht machen, vermeiden", sagt Sachse, soll heißen: "Nicht die Charts hoch und runter spielen, so dass sich die Hits alle paar Stunden wiederholen. Zehn Mal Robbie Williams am Tag- das machen wir nicht." Die Bandbreite der Musik reicht hingegen vom deutschen Schlager über Chart hits bis hin zu Gothic, Underground und Heavy Metal.
Die Sendungen werden von Mitarbeitern aus ganz Deutschland regelmäßig produziert, übers Internet nach Geel geschickt und von Sachse in seinem kleinen Dachstudio für die Sendung aufbereitet. Die rund 20 ehrenamtliche Korrespondenten und Moderatoren sorgen so dafür, dass rund um die Uhr im Netz gesendet werden kann. Hinzu kommen Nachrichten und Börsennews, die von einer Berliner Nachrichtenzentrale regelmäßig ins System eingespeist und automatisch gesendet werden. Für Sachse bedeutet das rund zehn Stunden täglicher Arbeit.
Auf Krücken zum Webradio
Dass er einmal an der Stufe zum professionellen Radioproduzenten stehen würde, hätte Sachse noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten. Die Folgen eines schweren Verkehrsunfalls zwangen den gebürtigen Rendsburger vor viereinhalb Jahren, seine Geschäftsführertätigkeit in einem Friseurgroßhandel aufzugeben. "Ich bin dann auf Krücken zu einem Webradio in Rendsburg, um dort mitzuarbeiten", sagt er über die Anfänge des neuen beruflichen Lebensabschnittes. Kenntnisse hatte er bis dahin lediglich als Hobby-DJ gesammelt. Der nächste Schritt war das erste eigene Projekt, ein Webradio für Fitness und Lifestyle gemeinsam mit einem Schleswiger Fitnesscenter. "Da merkten wir aber schnell, dass uns die Zielgruppe flöten geht." Der Kontakt mit dem Thema Feuerwehr kam dann durch Zufall über den Webseitengestalter, mit dem Sachse die Radioprojekte bis dahin betreute. Der war auch für den Feuerwehrlandesverband tätig. Schnell war die Idee geboren: "Lass uns doch Feuerwehrradio machen!"
Auch wenn er durch seine Tätigkeit längst zu einem ausgewiesenen Fachmann geworden ist, in seine Heimatfeuerwehr in Brodersby ist Olli Sachse bis heute nicht eingetreten. "Nur so", sagt er, "kann ich meine Neutralität und meine Neugier für alles, was die Feuerwehr betrifft, bewahren".
(hdg, shz)

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