Heimat mit Ententeich - ein Zuhause für tausende Flüchtlinge

<strong>Anziehungspunkt</strong> für Generationen von Kindern: der Ententeich; dahinter Alt-Fruerlundhof.
Anziehungspunkt für Generationen von Kindern: der Ententeich; dahinter Alt-Fruerlundhof.

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01. April 2010, 03:59 Uhr

Fruerlund | Ländlich, sittlich, gemütlich - Fruerlund damals. Wer heute einen Bummel macht nach Alt-Fruerlundhof, diesem alten Bauernhof mit seiner riesigen, geschützten Eibe vor dem Haus und dem Ententeich, der kann Dorf-Atmosphäre in vollen Zügen genießen. Die Geschwader von Enten auf dem Teich tun ein übriges: Sie brauchen nur das Rascheln einer Papiertüte zu hören, um flott den Passanten am Rand anzusteuern. Füttern war hier noch nie verboten. So ist der Teich beliebtes Ziel, wenn die Eltern im Viertel entscheiden, dass es Zeit ist, auf einem Spaziergang die Kinder zu lüften. Und die sind, bei der Nähe zu den Tieren, immer begeistert.

Dieser Bauernhof und der gegenüber sind die Keimzelle des alten Fruerlund. Dazu kamen noch ein paar armselige Katen in Fruerlundholz, die heute an der gleichnamigen Straße wie Reihenhäuser wirken. Woher stammt der Name des Viertels? In "Fruer-" steckt das plattdeutsche Frau, ein Hinweis auf Maria, "-lund" ist das dänische Wort für Gehölz. Abgeleitet wurde daraus das Wäldchen, das von der Kirchengemeinde St. Marien bewirtschaftet wurde. Allerdings: Keine Unterlage belegt diese Beziehung.

Zum alten Fruerlund gehörte noch die 1863 gegründete Ziegelei, die der Ziegeleistraße ihren Namen gab und die in Höhe der Tunneleinfahrt stand. Erste Spuren der Besiedlung brachte der Bohlberg. Drei Flensburger kauften 1863 die Ländereien und verkauften sie 1910 weiter an die Stadt. 1922 begann die Bebauung.

Ansonsten bot das Gelände nur noch ein paar Straßen. Eine Brücke, deren Reste heute noch im Lautrupsbachtal östlich der Bismarckbrücke zu finden sind, führte die Bachstraße von Jürgensby über den Bach in das Mühlenholz und weiter in die Fruerlunder Straße, einst Verbindungsweg zwischen St. Jürgen und Twedterholz. Am Ende der Fruerlunder Straße stand die Gaststätte "Sommerlust", ein beliebtes Ausflugslokal. Dieser alte Hauptstraßenzug wurde zur Nebenstrecke degradiert, als nach Einweihung der Marineschule mit der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Mürwiker) eine angemessene Verbindung entstand.

Fruerlund zählte zu den wenigen Flensburger Vierteln, die in der Vergangenheit stolz einen Bahnanschluss vorweisen konnten. 1908 wurde die Kleinbahn nach Satrup eröffnet, die durch das Lautrupsbachtal hinauf fuhr und die Glücksburger Straße kreuzte. Die griechische Gaststätte an der Straße ist der alte Kleinbahnhof Fruerlund. Parallel zu diesen Gleisen lagen die der 1881 eröffneten Bahn Flensburg-Kiel, aber für die war Fruerlund nie einen Bahnhof wert. Der exzellente Nahverkehrs-Service der Kleinbahn fand 1908 sein Ende: Zu groß wurde die Konkurrenz von Bus und Auto.

Mit Ausnahme des Jahres 1912 - damals brannte Fruerlundmühle ab - verliefen die nächsten Jahrzehnte ruhig. Das änderte sich schlagartig mit dem Zweiten Weltkrieg, der massenhaft Flüchtlinge in die Stadt spülte. Einer von ihnen erkannte, was zu tun war: Die Flüchtlinge brauchten eine politische Vertretung und ein Dach über dem Kopf. Willi Sander zog in die Flensburger Ratsversammlung ein und gründete den Selbsthilfe-Bauverein. Er schaffte es, Gelder aus Neubauprogrammen einzusammeln und im großen Stil Neubauten zu verwirklichen. Die Straßen boten Platz für die ersten Häuser, speziell am Mühlenholz und an der Mürwiker Straße, dann verwandelten sich die Fruerlunder Felder in Bauland. Ein Viertel entstand, das den alten Namen Fruerlund trägt.

Die Straßennamen verweisen alle auf die Herkunft der neuen Bewohner. Der alte Nettelbeckplatz, mit dessen Umbenennung in Willi-Sander-Platz dem Gründer das verdiente Denkmal gesetzt wurde, versorgte mit seinen Geschäften die Menschen. Die Bäckerei Johannsen und Friseur Orbahr sind davon der letzte Rest.

"Klein-Königsberg", "Sandershausen" oder auch "Schumann-Land" erinnern an die Herkunft der Flüchtlinge, an den SBV-Gründer und seinen Nachfolger Helmut Schumann. Unmittelbar bevor steht der Abriss der alten Flüchtlings-Häuser und die Neubebauung im großen Stil (siehe Artikel oben).

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