zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 10:22 Uhr

Harsche Kritik an jungen Bewerbern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

IHK und Arbeitgeber lassen kaum ein gutes Haar am Berufsnachwuchs – Berufsinformationszentrum widerspricht vehement

von
erstellt am 13.Mai.2014 | 17:00 Uhr

Timo Reincke ist ratlos. „Acht Bewerbungen habe ich losgeschickt“, sagt der 17-Jährige aus Großenwiehe. „Ich habe nur eine Zusage bekommen, doch zu dem Betrieb wollte ich nicht.“ Wie viele andere Jugendliche in seinem Alter hat der Zehntklässler der Gemeinschaftsschule Handewitt im Frühjahr nach einer Ausbildungsstelle ab dem Sommer gesucht. „Am liebsten würde ich einen handwerklichen Beruf im Bereich Anlagenbau erlernen“, berichtet Reincke.

Wieso die Suche nach einem passenden Arbeitgeber so schleppend laufe, weiß er nicht. Daher lässt er zur Sicherheit seine Bewerbungsunterlagen von Berufsberater Werner Tischer im Berufsinformationszentrum (Biz) der Arbeitsagentur prüfen – obwohl Timo Reincke erst im Dezember eine Projektwoche in der Schule zu diesem Thema mit Vertretern aus der Wirtschaft hatte. „Gerade deshalb habe ich keine Erklärung für die Absagen.“

Die kann Fabian Geyer in diesem Fall auch nicht liefern. Allerdings bezieht der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde eine klare Position, wenn es um die generelle Eignung der Bewerber geht. „Die Qualität ist massiv zurückgegangen, die Beschwerden der Betriebe bei uns haben deshalb zugenommen.“ Doch was meint er konkret damit? „Das geht bei orthographischen Mängeln in der Bewerbung los und zieht sich bis zum unpassenden Outfit beim Vorstellungsgespräch oder nicht ausreichender Vorbereitung auf das jeweilige Unternehmen.“ Gute Bewerber seien „selten“ geworden.

Dieses Bild bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK). Das ist das Ergebnis der jüngsten Online-Umfrage unter Betrieben aus der Region vom Juli 2013. Daraus geht hervor, dass sich mehr als zwei Drittel aller Unternehmen im Land vorstellen können, lernschwächere Jugendliche einzustellen und „die Anforderungen an die Bewerber zu senken.“ Jeder zweite Schulabgänger sei nicht genügend belastbar und zu undiszipliniert.

Zwar sei die Zahl derer mit unzureichenden Rechenfähigkeiten oder Mängeln in Schrift und Wort nahezu identisch groß, doch das lasse sich während der Ausbildung beheben. Soziale Kompetenzen hingegen „können im Laufe einer Ausbildung kaum ausgeglichen werden“, heißt es im IHK-Bericht.

Zusätzlich haben demnach zu viele Schulabgänger unklare Berufsvorstellungen – hinter der fehlenden Ausbildungsreife der zweithäufigste genannte Kritikpunkt. Doch die Umfrage kommt insgesamt zu einem geradezu vernichtenden Ergebnis. Wörtlich heißt es in den von der IHK zusammengetragenen Ergebnissen, dass „Anforderungen an die Ausbildungsreife von Schulabgängern nicht beliebig weit abgesenkt werden können. Für viele Betriebe ist der Spielraum nach unten ausgeschöpft.“

Die Gründe für diese Entwicklung beurteilen IHK und Arbeitgeber-Geschäftsführer Geyer unterschiedlich: Der IHK-Bericht führt den demographischen Wandel und die steigende Zahl von potenziellen Auszubildenden an, die aber ein Studium bevorzugen. Geyer hingegen sieht die Elternhäuser und das Schulsystem in der Pflicht. „Ich weiß, dass in den Schulen etwas getan wird, um die Situation zu ändern, aber das genügt noch nicht.“ Zudem müssten besonders die Eltern „mehr ins Boot“ geholt werden, um die Jugendlichen auf das Berufsleben vorzubereiten.

Von solchen Aussagen hält Werner Tischer wenig. Der 62-Jährige ist seit 1979 Berufsberater und kann die Kritik der Arbeitgeberseite überhaupt nicht nachvollziehen. „Natürlich sind die Auszubildenden heute anders als früher, aber schlechter sind sie deshalb keineswegs.“ Viele der Jugendlichen, mit denen er es zu tun habe, seien überdurchschnittlich gut.

Allerdings würden die Jugendlichen ihren Vorgesetzten gegenüber forscher auftreten als vor 20 Jahren. Das aber entspreche nicht den Vorstellungen der Betriebe. „Überspitzt gesagt wünschen die sich einen 16-Jährigen mit Abitur, der in seiner Persönlichkeitsentwicklung noch in jede Richtung biegbar ist.“

Auch die Kritik an Schule und Elternhaus weist Tischer zurück. „Mit den Schulen arbeiten wir vom Biz seit Jahren eng zusammen.“ Und dass den Eltern zunehmend weniger Zeit bleibe, sich um den eigenen Nachwuchs zu kümmern, sei ein gesellschaftliches Problem. „Durch die vielen prekären Beschäftigungsverhältnisse sind Eltern oft genug damit beschäftigt, zuzusehen, wie sie über die Runden kommen.“ Dabei sei die Hilfe der Eltern in der Phase der Berufsfindung enorm wichtig. „Sie sollten helfen, dass die Kinder nicht allein ihr Ding durchziehen müssen.“ Zwar räumt der Berufsberater ein, dass es durchaus immer wieder Jugendliche gebe, auf die Geyers Kritik zutreffe. „Aber als Arbeitgeber-Vertreter sollte man solche Einzelfälle nicht so dramatisieren, wie er das getan hat.“

Timo Reincke gehört für Tischer nicht zu diesen Einzelfällen. Aber kaufen kann er sich dafür nichts. Einen Ausbildungsplatz sucht er nach seinen Erfahrungen vorerst nicht. Stattdessen besucht der 17-Jährige ab dem Sommer die Oberstufe der Gemeinschaftsschule Handewitt.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert