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Flensburger Tageblatt

17. August 2017 | 21:59 Uhr

JVA Flensburg : Harfenklang für Häftlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Konzert im Knast: Natalie Ingwersen und Andrés Godoy spielten in der Justizvollzugsanstalt.

Natalie Ingwersen und Andrés Godoy schwanken zwischen gespannter Erwartung und Anflügen von Nervosität. Denn ein ungewohntes Auditorium erwartet sie. Das Duo gibt ein Konzert im Knast. Im Mehrzweckraum der Justizvollzugsanstalt, in dem Sport getrieben wird, Gottesdienste und Weihnachtsfeiern stattfinden, erklingen plötzlich Harfe, Gitarre und Percussion. Und das zieht die etwa 30 Untersuchungshäftlinge und Strafgefangenen – nach anfänglicher Skepsis – in ihren Bann.

Der Auftritt war vermittelt worden durch den katholischen Gefängnisseelsorger Wolfgang Kamp sowie Anja Nielsen und Peter Jacobsen, die eine wöchentliche Gesprächsgruppe („KiM“) in der JVA anbieten. Für die Harfenistin Natalie Ingwersen eine Premiere, Godoy dagegen hat schon zahlreiche Gigs in seiner Heimat Chile hinter sich. Als „loud, dirty and violent“ beschreibt er die Zustände der Gefängnisse dort, übelriechend dazu. „Ein Leben wie in der Hölle“, die Flensburger Einrichtung sei im Vergleich dazu ein Fünf-Sterne-Hotel. Leichtes Räuspern im Publikum. Mit Natalie habe er eine gemeinsame musikalische Ebene gefunden. Ihre Darbietung mit Eigenkompositionen ist geprägt von nordischen, keltischen und südamerikanischen Einflüssen – eine außergewöhnliche Melange.

Mit 14 Jahren hatte Andrés einen folgenschweren Unfall, bei dem er sich die Beine brach und den rechten Arm verlor. So entwickelte er in mühevoller Arbeit eine spezielle Spieltechnik („Tatap“) mit nur einer Hand, zunächst im Geheimen. „Ich wollte nicht, dass meine Eltern wissen, dass ich etwas versuche, was eigentlich nicht geht.“ Er schlägt die Saiten, zieht und kratzt daran, mit dem kleinen Finger zupft er Melodielinien, die im Normalfall von der rechten Hand übernommen werden. Eine Art Fingerstyle. Heute produziert er Rockbands und tourt als Solist um die Welt; in Santiago versucht er, Kinder und Jugendliche an die Musik heranzuführen.

Während er auf eine sympathische, locker-humorvolle Weise erzählt, hören die Gefangenen aufmerksam zu, stellen Fragen. Das Eis ist schnell gebrochen. Tatsächlich gipfelt der Auftritt in einem gemeinsam gesungenen Lied. „Ich folge meinen Wünschen und Träumen“, sagt Godoy eindringlich. Seine Großmutter habe ihn das gelehrt. „Selbst als ich ans Aufgeben dachte, habe ich es nicht getan!“ Die Gefangenen nehmen es mit auf den Weg.

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erstellt am 10.Mai.2014 | 08:38 Uhr

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