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Berufliche Alternativen in Flensburg : Hand über Kopf: Tischler statt Ingenieur

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

24 Studienabbrecher hat die Handwerkskammer Flensburg bislang mit dem Projekt „Kursänderung“ in einen handwerklichen Beruf geführt.

Flensburg | Zehn Jahre lang hat Holger Fink studiert. Erst Maschinenbau in Braunschweig, dann Japanologie und Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main. Und auf welchen Beruf steuert der 33-Jährige zu? Auf den Tischler.

„Thermodynamik hat mich weggehauen“, blickt Fink zurück, der in Braunschweig geboren und bei Stade aufgewachsen ist. Ein Studium sei nicht seine erste Wahl gewesen, sagt der Spross aus einem Akademikerhaushalt, der gut damit leben kann, dass seine Schwestern Elektrotechnik beziehungsweise Psychologie studieren. Den Abbruch des Studiums habe er immer wieder in Erwägung gezogen, sagt Holger Fink, doch nie die passende Alternative gefunden. Ausschlaggebend sei im vorigen Jahr gewesen, dass seine Freundin nach ihrem Studium in Flensburg einen Job fand. Nach zweieinhalb Jahren Fernbeziehung, erzählt er, hat der Neuanfang noch einen positiven Effekt.

Erster Anlaufpunkt in Flensburg sei das Arbeitsamt gewesen; Jobvorschläge in der Gastronomie, zumal in Schleswig und ohne Auto, waren nicht das Richtige, so dass Fink selbst im Internet recherchierte. Er stieß auf die Handwerkskammer (HWK) und das Jobstarterplus-Projekt „Kursänderung! Handwerksbetriebe bieten Ausbildungsplätze für Studienabbrecher“ und rief Iris Mainusch an. Am Tag darauf saß er in ihrem Büro zur Beratung.

Kursänderung gibt es seit zwei Jahren, seit März 2015 ist Iris Mainusch Projektmitarbeiterin der HWK Flensburg. Mit dem Kammerbezirk in Lübeck zusammen decke man ganz Schleswig-Holstein ab. Iris Mainusch berät Studienabbrecher individuell; man komme nicht so recht an sie heran, beobachtet sie und betont: „Man braucht einen langen Atem.“ Die Zahl der Studienabbrecher wird weder an der Flensburger Hochschule noch an der Europa-Universität systematisch erfasst, bestätigen beide Pressestellen.

„Ich kann sofort sehen, welcher Betrieb bildet aus“, erklärt die Beraterin, die zuvor bei der Hochschule Studenten beraten hat. Sobald der Wunschberuf aus 130 Ausbildungsberufen im Handwerk identifiziert sei, telefoniere sie die Unternehmen ab, um herauszufinden, ob noch ein Ausbildungsplatz unbesetzt ist. „Diejenigen, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen wollten, konnte ich auch vermitteln“, sagt Iris Mainusch. Seit das Projekt läuft, waren das 24; ein weiteres Jahr „Kursänderung!“ steht bevor.

Holger Fink ist für sie eine dieser „Erfolgsgeschichten“. Tischler und Berufe in Holz sind ganz hoch im Kurs, doch gebe sie bei der Beratung auch die beruflichen Perspektiven zu bedenken. Reine Möbeltischler seien rar, weiß Mainusch. Und sie lässt sich nicht vom offiziellen Ausbildungsbeginn am 1. August beziehungsweise 1. September eines Jahres abschrecken – und rät das auch ihren Schützlingen. Bei Holger Fink lief alles glatt, obwohl er für die Tischlerei Christian Schäfer eigentlich zu spät dran gewesen wäre. Doch noch während des Beratungsgesprächs in der Kammer vermittelte Mainusch für den 33-Jährigen ein Praktikum. Kurz darauf begann Fink seine Ausbildung.

„Mir macht’s Spaß“, resümiert der künftige Tischler. Seinem Studium weint er nicht nach, profitiert von seinem technischen Grundverständnis, das manches vereinfache. Es gebe viele Betriebe, ergänzt Iris Mainusch, die ältere Auszubildende bevorzugen, weil sie ein „anderes Auftreten beim Kunden haben“. Das Selbstbewusstsein könnte bei der Kommunikation mit den Kunden helfen, bestätigt Fink und bleibt bescheiden.


Iris Mainusch, Handwerkskammer Flensburg, ✆0461-866136 oder 0170-2251088, Email: i.mainusch@hwk-flensburg.de; www.hwk-flensburg.de

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erstellt am 02.Feb.2017 | 14:00 Uhr

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