Haftstrafen für Mord an Mert Can A.

Starke Sicherheitsvorkehrungen vor und nach dem Prozess.
Starke Sicherheitsvorkehrungen vor und nach dem Prozess.

Wegen gemeinschaftlich begangener Tat müssen zwei Flensburger neun sowie sechseinhalb Jahre ins Gefängnis

shz.de von
07. Juli 2018, 07:27 Uhr

Es war einer der spektakulärsten Prozesse der letzten Jahre in Flensburg. Der gewaltsame Tod von Mert Can Altunbas hatte die Gemüter weit über die Region hinaus erhitzt. Nach über neun Monaten und 38 Verhandlungstagen ist gestern das Urteil gefallen: Wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes werden Arton I. für neun Jahre und Albert R. für sechs Jahre und sechs Monate hinter Gitter geschickt.

Die Täter reagierten auf das Urteil völlig unterschiedlich. Während es I. gelassen und ohne sichtbare Regung zur Kenntnis nahm, nachdem er der Verhandlung interessiert gelauscht hatte, schlug sich R. die Hände vors Gesicht. Bei den Ausführungen der Vorsitzenden Richterin Birte Babener weinte er bittere Tränen, während I. lächelnd mit seinem Verteidiger Thomas Bliwier kommunizierte und zum Schluss wie unbeteiligt auf sein Namensschild kritzelte. Bliwier ist unter Juristen kein Unbekannter. Im NSU-Prozess war er einer der Nebenklage-Vertreter.

Die Große Jugendkammer am Landgericht legte bei der Bemessung das Jugendstrafrecht zugrunde – beide Männer waren zum Tatzeitpunkt 20 Jahre und einen Monat alt. Unmittelbar nach Prozessende kündigte Verteidiger Bernhard Mussgnug, Rechtsbeistand von R., an, in Revision gehen zu wollen. „Dann sehen wir weiter.“

Staatsanwalt Jochen Berns hatte für den Hauptangeklagten eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten wegen Mordes, für seinen Komplizen fünf Jahre Jugendstrafe gefordert. Die Verteidiger der beiden Angeklagten indes waren auf Freispruch aus.

In einer gut zweistündigen Urteilsbegründung schildert Birte Babener, was sich in der Nacht zum Ostersonntag 2017, der mehrere Scharmützel vorausgegangen waren, nach Überzeugung des Gerichts abgespielt hat, „auch wenn das Geschehen trotz aller Bemühungen nicht vollständig aufzuklären war“. Sicher hingegen sei, dass I. es war, der in der Tatnacht vor dem Elternhaus des Opfers zugestochen habe. Sie zitiert eine zuvor abgesetzte WhatsApp: „Messer rein, Messer raus – und ciao!“ Genau so habe er es umgesetzt. Zweimal. Unmittelbar. Wortlos. Mit der acht Zentimeter langen Klinge eines Butterfly-Messers. Der zweite Stich traf die Hauptschlagader. Der tödlich Getroffene verblutete. Eine halbe Stunde zuvor habe R. dem späteren Opfer via Facebook geschrieben: „Du Hurensohn, du bist morgen tot.“ Es sei eine gemeinsam geplante Tat gewesen, sagt die Richterin: „R. wusste, dass sein Freund ein Messer trug und es einsetzen werde.“ Er habe den Tod von Mert Can Altunbas billigend in Kauf genommen. „Es gab keinen Hinweis darauf, dass eine dritte Person beteiligt war.“

Sie bescheinigt den Tätern mangelnde seelische und geistige Reife, „Persönlichkeitsmängel“ – Alkohol habe die beiden in ihrer Steuerungsfähigkeit zwar enthemmt, aber nicht beeinflusst. Das Merkmal Heimtücke findet in dem Urteil keinen Niederschlag, die Tat sei jedoch aus niedrigen Beweggründen verübt worden.

Damit geht ein aufreibender Indizienprozess nach 36 Verhandlungstagen zu Ende. Das Urteil stützt sich zum großen Teil auf die Auswertung von Handy-Daten. Zudem brachten die Aussagen der damaligen Freundin des Opfers, die im Flur stand, während Mert Can A. an der Haustür zusammenbrach, wertvolle Erkenntnisse zur Täterschaft. Dennoch: „Mit den prozessualen Möglichkeiten der Aufklärung“, gestand Birte Babener, „sind wir an Grenzen gestoßen.“

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