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Scherben-Attacke in Flensburg : Häftling rastet aus: Er war im Wahn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

War es Totschlag? Ein 32-Jähriger soll in der U-Haft einen Polizeibeamten mit einer Scherbe attackiert haben. Der Angeklagte erinnert sich an eine andere Version.

Flensburg | Der Schwurgerichtssaal war belegt. Da Richter Dietrich Klingsporn im weisen Alter von 63 Jahren an seiner alten Wirkungsstätte feierlich verabschiedet wurde, musste die 1. Große Strafkammer umziehen. In einen kleinen Saal mit schlechter Akustik und klappernder Tür. Und so war mehrmaliges Nachfragen nötig, um den ohnehin schwer vernehmbaren Angeklagten zu verstehen, der sich am zweiten Verhandlungstag erstmals zur Sache einließ.

Thies W. (32) werden die Handschellen abgenommen. Er äußert sich so ausführlich, wie es die Erinnerung eben zulässt. Es geht um Raub und räuberischen Diebstahl. Zunächst. So soll er, nachdem er mit mehreren Päckchen Kaffee den Edeka-Markt in der Neustadt verlassen wollte, ohne zu bezahlen, gegenüber der couragiert auftretenden stellvertretenden Filialleiterin rabiat geworden sein. Den ihm zur Last gelegten Faustschlag in die Magengegend streitet der Angeklagte kategorisch ab. „Es passiert mir nicht, dass ich gegenüber einer Frau gewalttätig werde.“

Wie aber verhält es sich mit dem anderen Geschlecht? So soll Thies W. am 15. November 2012 an der Löhmannschule laut Staatsanwaltschaft einen Mann „körperlich misshandelt“ haben, um in den Besitz eines Laptop zu gelangen. Den Übergriff bestreitet der vermeintliche Täter. Er sei zwar auf sein Gegenüber mit unmissverständlicher Geste zugegangen, doch der habe sich ohne erkennbaren Grund einfach „hingeschmissen“. Eine Schwalbe würde man das im Fußball-Jargon nennen. Immerhin gibt er den Vorsatz zu: Er habe den Beraubten mit zwei Komplizen „abziehen“ wollen.

Ein weiterer Fall: Am 9. Juni dieses Jahres erscheint W. an der Tür eines Dealers an der Teichstraße. Dieser habe ihm „schlechten Stoff“ verkauft, er wollte sein Geld zurück. Auch hier sei die Aggression nicht von ihm ausgegangen. „Er ist mit einer Holzkeule auf mich los, ich musste mich ja zur Wehr setzen.“ Dass er anschließend Bargeld, ein Handy und Tablet-PC habe mitgehen lassen, tue ihm leid. Er sei, wie so oft, berauscht gewesen. Marihuana, Ecstasy und Amphetamine bevorzugt. W. nahm zeitweise auch Neuroleptika zu sich, war bereits in psychiatrischer Behandlung.

Eine Stunde nach dieser Tat wird Thies W. in einer Wohnung an der Mittelstraße festgenommen. Er kommt in Untersuchungshaft. Und dort passiert, was den Angeklagten für lange Jahre hinter Gitter bringen könnte. Er greift, so die Anklage, mit der Scherbe eines Porzellantellers einen Vollzugsbeamten an, verletzt ihn im Gesicht und am Hals. „Ich bring dich um“, soll er geschrien haben. Ein weiterer JVA-Kollege wird attackiert. Den gezielten Schlag an den Hals wertet Staatsanwalt Björn Dellius als versuchten Totschlag. Erst von sechs Beamten gemeinsam kann der Häftling überwältigt werden.

Dessen Erinnerung indes offenbart eine etwas andere Version. Bei der polizeilichen Vernehmung hatte W. noch angegeben, sich an die Vorgänge gar nicht mehr erinnern zu können. Jetzt sagt er: Sein Verhalten an diesem Tag sei dem Wahn geschuldet. Dem Wahn, die Beamten wollten ihn umbringen. Genau dies habe ein Mithäftling ihm eingeredet, „bis ich es geglaubt habe“. Nach dem Umschluss habe er nach einem JVA-Mitarbeiter geklingelt. „Weil ich raus wollte, ich habe Panik geschoben.“ Wie er sich das denn genau vorgestellt habe, will der Staatsanwalt wissen. „Ich habe keine klare Vorstellung gehabt“, bekommt er zur Antwort. Zuvor habe er einen Porzellanteller zerbrochen, die Scherbe vorsichtshalber in der linken Hand gehalten, um den Beamten einzuschüchtern. „Sie sollte nicht eingesetzt werden.“

Als der Beamte K. erscheint, stößt Thies W., das räumt er ein, ihm die Zellentür entgegen, so dass dieser ins Wanken gerät. Dann zwei „Schwinger“ an den Kopf. K. geht zu Boden, ruft um Hilfe. Danach wird die Erinnerung diffus. Er entsinne sich nur, wie sich mehrere Männer auf ihn gestürzt hätten und er mit der rechten Hand nach der Scherbe gesucht habe. W. zog sich dabei Schnittwunden an der rechten Hand zu. Den gezielten Angriff bestreitet er, die Zeugenaussage des Opfers ebenso. „Der erzählt viel, wenn der Tag lang ist.“


> Der Prozess wird morgen um 9.15 Uhr fortgesetzt – dann wieder im Schwurgerichtssaal A 316.

 

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