zur Navigation springen

Ausbildung für Flüchtlinge : Hackbällchen und Frisuren aus Kabul

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Pilotprojekt von Handwerkskammer, Arbeitsagentur und Sterni-Park bringt junge motivierte Flüchtlinge in Handwerksberufe. Diese sind erst seit wenigen Wochen in Schleswig-Holstein.

Flensburg | Der 17-jährige Nima blickt nur kurz auf, lächelt kurz und nestelt dann weiter an der Übungsfrisur herum. Der junge Mann aus Afghanistan möchte furchtbar gern Friseur werden – in seinem Heimatland ist das ein angesehener Beruf. Dass der Übungskopf eindeutig eine Damenfrisur hat, ist kein Zufall: Daheim in Kabul, Herat und in den anderen Städten am Hindukush dürfen die sieben Jugendlichen keine Frauen frisieren.

Nima, Said und die fünf anderen Jungs sind erst seit wenigen Wochen in Schleswig-Holstein. Sie sind alle erst im Frühjahr oder im Sommer hier gestrandet und zusammen mit 73 anderen Jugendlichen im Sterni-Park in Satrup untergebracht. Jetzt schreiben sie ein kleines Stück Integrationsgeschichte mit. In der Handwerkskammer Flensburg werden derzeit ihre handwerklichen und sprachlichen Fähigkeiten sondiert, damit sie ab 5. Oktober an einer Maßnahme teilnehmen können, die es so bisher noch nirgendwo gibt.

Björn Geertz, Geschäftsführer der Handwerkskammer, ist immer noch euphorisiert von seiner Begegnung mit den Jugendlichen am Sonntag. Junge Kerle aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Somalia und Syrien. Sie alle haben ihre Heimat verlassen, sind geflohen vor Bürgerkrieg, Zerstörung und einem Leben ohne Perspektive. Haben sich durchgeschlagen auf dem Landweg bis nach Deutschland, ihre Familie entweder zu Hause gelassen oder in Einzelfällen auch auf der Flucht verloren. Jetzt sind sie im Sterni-Park in Satrup untergebracht und drängen darauf, aktiv zu werden. „Die hängen an deinen Lippen“, erinnert sich Geertz, der den Jugendlichen Grundsätze des deutschen Schul- und Ausbildungssystems und die Strukturen dieses neuen Projektes erläutert hat. „Die brennen darauf, etwas zu tun, etwas zu lernen. Die würden am liebsten sofort anfangen.“

Morgens um 7 Uhr fährt der Bus von Satrup nach Flensburg. „Um zehn vor stehen die an der Haltestelle“, sagt Sterni-Park-Chefin Leila Moysich. „Die haben kein Problem mit dem frühen Aufstehen, die sind total motiviert.“ Björn Geertz erklärt den Win-win-Aspekt des Projekts: „Das Handwerk braucht dringend qualifizierten Nachwuchs.“ Er berichtet von dem jungen Nebil aus Eritrea, der ganz vernarrt in den Tischlermeister Grigull sei und jetzt von diesem unterwiesen werde. Und ein junger Afghane zeige dem Küchenchef, wie man in Kabul leckere Hackbällchen macht, die auch Flensburger Handwerkern schmecken.

In zwei Gruppen mit je zwölf Jugendlichen bekommen die Flüchtlinge erste Einblicke in die Ausbildung handwerklicher Berufe, in diesem Fall Friseur und Elektrotechnik. Dazu kommen zehn Stunden Deutsch-Unterricht, die von Lehrern des Sterni-Parks gegeben werden. Am 5. Oktober beginnt dann offiziell die so genannte Eignungsanalyse, die auf ein halbes Jahr terminiert ist. Ab April geht es weiter mit der Einstiegsqualifizierung in Form begleiteter Praktika in Betrieben der Handwerkskammer – mit dem Ziel der eigentlichen Ausbildung ab 1. August 2016.

Die Bundesagentur für Arbeit fördert das Projekt mit rund 8000 Euro pro Teilnehmer. „Es war Geld aus Interventionsreserven vorhanden“, sagt Susanne Bommarius, Integrationsbeauftragte der Bundesagentur. Das neue Projekt stehe in Einklang mit den rechtlichen Bestimmungen, auch wenn es bisher nichts Vergleichbares gegeben habe.

Andere Jugendliche mit entsprechender Vorbildung sind mittlerweile an der Kurt-Tucholsky-Schule untergebracht worden. „Da ist ein junger Syrer dabei, der gern Arzt werden möchte“, so Leila Moysich.

 

 

zur Startseite

von
erstellt am 16.Sep.2015 | 08:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen