Habernis:Von der Huk in die Grüfft

Huk-Bewohner Wilhelm Husfeld (links) und Bürgermeister Gerhard Geißler am Strand von Habernis.  Foto: U. KÖHLER
Huk-Bewohner Wilhelm Husfeld (links) und Bürgermeister Gerhard Geißler am Strand von Habernis. Foto: U. KÖHLER

Dritter Teil der Sommerserie "In Angeln unterwegs": Etliche Hektar des Kliffs in der Gemeinde Steinberg fielen Sturm und Flut bereits zum Opfer

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12. August 2011, 05:11 Uhr

steinberg | Den Einheimischen sind diese Ortsnamen vertraut, den Auswärtigen geben sie Rätsel auf: Affegünt, Baggelan oder Düstnishy klingen exotisch. Manche Leute wohnen in Morgenstern, in Knappersfeld oder gar im "Paradies". Zum Leidwesen der heutigen Heimatforscher haben die Altvorderen ihr Wissen darüber nur selten und dann ziemlich lückenhaft überliefert. Unsere Zeitung war "In Angeln unterwegs", um so manches Rätsel zu lösen.

Das, was er als Kind erlebte, wird der 1940 auf der Steilküste Huk geborene und seitdem hier lebende Wilhelm Husfeld sein Lebtag nicht vergessen. Es war in den 1950er Jahren, als ein elterliches, mit Rüben bestelltes Feld nach einem Hochwasser auf einen Schlag zur Hälfte fast drei Meter tief in Richtung Meer abrutschte. Oben Rüben, unten Rüben, das bedeutete im Herbst eine Ernte auf zwei Etagen. Kaum waren die Rüben abgeerntet, stürzte das Unterfeld gänzlich in die Ostsee.

Seit Jahr und Tag, sagt Husfeld, der sich als "Habernisser Jung" bezeichnet, nagen Flut und Sturm an der Huk, ein bis zu zehn Meter hohes Kliff in der Gemeinde Steinberg. Etliche Hektar seien bereits verschwunden, seien andernorts angeschwemmt worden. Aus einem alten Kalender zitierend sagt der Mann von der Huk: "Iis un Schnee un Dau un Frost hem Eere von de Klüft loslöst. Un immer hett dat Woder leckt un so is Stück för Stück versackt." Längst ist die Huk nur noch ein Restkliff. Wie es weiter geht, lässt sich nicht absehen. Der einstige Verwaltungsbeamte sorgt sich, aber dennoch: "Die Huk ist für mich die schönste Ecke der Welt, hier möchte ich bleiben."

Der Begriff Huk stammt aus dem Friesischen - Hoeck - und bedeutet Winkel oder Ecke, meint im Habernisser Fall soviel wie Vorsprung an der Küste. Dieses Wissen steuert Bürgermeister Gerhard Geißler aus der Steinberger Chronik bei. Er ist Chef der rund 900 Erstwohnsitz-Seelen zählenden und 1623 Hektar großen Gemeinde, reich an Ortsteilen. Einer davon ist Habernis inklusive Huk, Grüfft und Buntholm. Für Habernis gab es im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Schreibweisen, wobei Nis aus dem Dänischen hergeleitet eine Nase ist, auf der Hafer wächst oder auch, wo es Ziegenböcke gibt. Einer Sage nach hatte dieser Ortsteil ganz früher keinen besonderen Namen. In alten Zeiten soll ein Querner Viehhirte namens Niß mit seinem Steinberger Berufskollegen in Streit geraten und von diesem erschlagen worden sein. Die Sache kam vor den Thing. Um den Mord zu sühnen, hätten, so die Sage, die Steinberger das Weideland an Quern abgetreten. "Das sollt ihr für Nis haben" - soweit die Sage.

Die Habernisser Küste erstreckt sich über rund drei Kilometer von Norgaardholz (Steinberg) bis Neukirchen (Quern). Die Sturmflut 1872 verdeutlichte die Hochwassergefahr - damals mutierte Habernis vorübergehend zu einer Insel. Kein Wunder also, dass im flachen Huk-Bereich Deiche vor dem "blanken Hans" schützen. Auf der Huk gibt es zehn Häuser - sechs sind ständig bewohnt - mit 13 Erstwohnsitzlern. Die Einwohnerzahl steigt immer dann an, wenn die Zweitwohnsitzler und Urlauber kommen. Für Liebhaber von Naturstrand und für Angler ist Habernis mit der Huk eine gute Adresse. Allerdings kommen Freizeitskipper immer wieder in die Bredouille, wenn sie keine Seekarten lesen. Dann, so Wilhelm Husfeld, knallt es manchmal heftig. Hinter der Sandbank gibt es nämlich nicht nur ein Muschelriff, da liegen auch aus der Steilküste abgebrochene große Findlinge.

In Habernis leben inklusive der "Huker" und der Bewohner der "Grüfft" - gleichbedeutend mit Graben oder Niederung - ständig knapp drei Dutzend Menschen, die sich in erster Linie als Habernisser und erst in zweiter Linie als Steinberger verstehen. Ganz Habernis gehört zu einem Landschaftsschutzgebiet. Es gibt ein Campinggelände mit 60 Stellplätzen. Hier fühlen sich vor allem Dauercamper wohl und geben ihre Plätze irgendwann an ihre Kinder und Kindeskinder weiter. Einst gab es einen "Höker" und neun kleine landwirtschaftliche Betriebe. Doch das ist längst Vergangenheit, die Ländereien sind verpachtet. Bürgermeister Geißler beschreibt die Entwicklung so: "Landwirtschaft raus, Tourismus rein." Was die Entstehung von Habernis betrifft, fügt er hinzu: "In der Eiszeit schoben sich die Gletscher so lange hin und her, bis sie Habernis zurecht hatten."

"Zur Nase, auf der der Hafer wächst" gehört an der Straße nach Neukirchen auch noch "Buntholm". In diesem uralten Siedlungsgebiet wurden in vergangenen Tagen "Schnippel" verteilt, weil nach den Worten des Bürgermeisters jeder ein Stück Land erhalten sollte. Zwar ist Buntholm heute unbewohnt, doch finden hier noch immer Ausgrabungen statt, sind Archäologen auf der Suche nach Spuren der Vorfahren.

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