Flensburg : Gutachten zum Wirtschaftshafen „410.000 Tonnen sind möglich!“

Gute Aussichten für Sand, Kies und Zement: Hafenanlagen am Harniskai.
Gute Aussichten für Sand, Kies und Zement: Hafenanlagen am Harniskai.

Ein von der IHK beauftragtes Gutachten zur Hafenentwicklung prognostiziert gute Wachstums-Chancen.

shz.de von
13. Juni 2018, 11:12 Uhr

Flensburg | Am Dienstagvormittag klinkte sich in der Industrie- und Handelskammer vernehmlich die Lobby des Hafens in die Diskussion über die Zukunft des Ostufers ein. Hauptgeschäftsführer Björn Ipsen und sein Vertreter Ulrich Spitzer präsentierten als „Input“ für die noch zu führenden Gespräche ein Gutachten, das seinen Fokus auf die von großen Teilen der Politik kleingeredeten Chancen des Hafens richtet. Kernaussage: eine kräftige Steigerung des aktuell bei 110.000 Tonnen zaghaft wachsenden Umschlags ist realistisch, wenn die Rahmenbedingungen geändert werden.

Jobst Schlennstedt, Geschäftsführer bei Competence in Ports and Logistics (Lübeck) hält in einer – wie er betonte – konservativen Prognose mittelfristig 260.000 bis 410.000 Jahrestonnen für machbar. CPL hatte mehr als ein halbes Jahr das Potenzial des Hafens für die umgebende Region analysiert und mit den für zusätzlichen Umschlag in Frage kommenden Akteuren viele Gespräche geführt. Die Analyse empfiehlt eine Positionierung als Baustoffhafen – aber auch Düngemittel sind noch immer aktuell.

Jan Thordsen, Geschäftsführer von ATR-Landhandel warnt eindringlich vor einer Abkehr vom Wirtschaftshafen: „Da unsere Düngemischanlage in Busdorf zu klein ist, verlagern wir die Station nach Flensburg. Die Nähe zu einem Ostseehafen, der mit 3000 Tonnen-Schiffen angelaufen werden kann, war ausschlaggebend für unsere Standortentscheidung. Die Schließung dieses tidenunabhängigen, gut ausgestatteten Tiefwasserhafens wäre eine Katastrophe!“ Thordsen steht mit seinem Unternehmen künftig für bis zu 40.000 Tonnen Düngemittel, die Flensburger Mitsubishi-Papiermühle würde ihre Zellulose lieber über den Hafen Flensburg umschlagen, statt sie ab Glückstadt in Sattelzügen quer durchs Land zu karren – aber das braucht alles Planungssicherheit.

Schwennstedt hat viele Akteure identifiziert, die ihren Güterumschlag verlagern würden, wenn, ja wenn Flensburg eine verlässliche Perspektive böte.

Bliebe noch das Marketing-Problem. Schwennstedt regt an, den Hafen durch eine private Gesellschaft führen und vermarkten zu lassen, Ipsen hört das mit Freuden. Die bisherige Arbeitsteilung – Teile liegen bei der Hafen GmbH der Stadtwerke, Teile bei den Kommunalen Immobilien von Bürgermeister Brüggemann – sei suboptimal. „Der Hafen muss wie ein privates Unternehmen geführt werden. Dazu gehören auch wettbewerbsfähige Umschlags- und Liegegebühren, ein offensives Hafenmarketing und Konzepte für langfristige Unternehmensentwicklung. Das ist in der bisherigen Struktur schwierig, wie die jüngste Diskussion um die Pachtpreise der Europawiese zeigt.“ Tatsächlich bestätigt der Gutachter: „Flensburgs Gebühren sind sehr, sehr hoch im Vergleich zu eigentlich allen Konkurrenzhäfen.“

All das wird am Freitag mit der Verwaltung erörtert werden. „Wir werden die Analyse sichten, mit der Planung abgleichen und prüfen, wie die Elemente adaptiert werden können“, verspricht Stephan Kleinschmidt, zuständiger Dezernent im Rathaus.
 

Zukunft ja!

Ein Kommentar von Holger Ohlsen

Hafenwirtschaft hat eine Zukunft! Viele Anhänger eines gepflegten maritimen Wohnquartiers am Ostufer werden mit dem Ergebnis gerechnet haben: Das Gutachten zur Entwicklung der Hafenwirtschaft wurde von der IHK beauftragt, mithin einer Wirtschaftslobby, aber das macht es nicht gleich unglaubwürdig. Die Lübecker Gutachter von CPL haben nicht nur abstrakte Vergleichsgrößen als Beleg für ihre positive Hafenprognose herangezogen, sie sind auch in die Tiefe gegangen. Im Umkreis von 30 Kilometern haben sie 150 Marktteilnehmer identifiziert, für die der Hafenumschlag in Flensburg eine Alternative sein könnte.

Gut – am Ende sind nur zehn Unternehmen übrig geblieben, mit denen intensivere Gespräche geführt wurden. Aber die Expertise des international aufgestellten ATR Landhandels (Ratzeburg) oder von Mitsubishi Paper in Flensburg sind Pfunde, mit denen das Gutachten punkten kann. ATR-Geschäftsführer Jan Thordsen sieht den Hafenumschlag noch lange nicht am Ende. Er verwies auf eine tausendfach wachsende Zahl unbesetzter Lkw-Fahrerstellen, auf umweltrechtliche Probleme beim Kiesabbau in Deutschland, die Notwendigkeit, dieses dringend benötigte Material von immer weiter her zu transportieren, ja – das könnte dem umweltfreundlicheren Transportmittel Schiff wieder Auftrieb geben.

Die wichtigste Erkenntnis des Gutachtens ist aber wohl die, dass der Hafen als umweltfreundliche Handelsdrehscheibe eine offensive und unabhängige Vermarktung mit freier Preisgestaltung und dauerhafter zeitlicher Perspektive braucht. Zwischen Stadtwerken und Bürgermeisteramt ist ist er jedenfalls schlecht angesiedelt, wie das jüngste Beispiel Europawiese zeigt. Wer hier, wie Bürgermeister Henning Brüggemann, bei Verhandlungen einen wohl krass überzogenen Höchstpreis aufruft und dann sechs Wochen lang auf ein Signal der anderen Partei wartet, sollte die Finger vom Markt lassen. So hat der Hafen wirklich keine Zukunft.

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