Gedenktag für die Opfer der NS-Zeit : Gustav Bressem: Ein Flensburger starb im KZ Buchenwald

Menschenverachtender Schriftzug am KZ-Eingang.  Fotos: Philipsen
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Menschenverachtender Schriftzug am KZ-Eingang. Fotos: Philipsen

Ein Gedenkstein im ehemaligen Lager erinnert an den Tod des Zeugen Jehovas

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27. Januar 2017, 08:00 Uhr

Flensburg | Wo der Dichterfürst Goethe gerne Wanderungen unternahm, auf dem Ettersberg bei Weimar, errichteten die Nationalsozialisten ein Konzentrationslager: Buchenwald, ein Ort des Schreckens und des Todes. Mehr als 50  000 Menschen starben durch die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen oder wurden von der SS ermordet -– politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und sogenannte Asoziale. Mit Mahnmalen in der heutigen Gedenkstätte wird der Opfergruppen gedacht. Der im Jahre 2002 enthüllte Gedenkstein für Bibelforscher oder Jehovas Zeugen, die – wie es in der Inschrift heißt – „aus religiösen Gründen verfolgt wurden und hier litten oder starben“, ist auch dem Flensburger Gustav Bressem gewidmet. An ihn und seinen Leidensweg soll zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) erinnert werden.
Gustav Friedrich Julius Bressem – so sein kompletter Name – war am 14. November 1895 in der Neustadt geboren worden. Seine Geburtsurkunde von 1895 wurde rund fünf Jahrzehnte später um einen Vermerk ergänzt, hinter dem sich eine Tragödie verbirgt: Gestorben 29.1.44 Weimar. Dort wurden die Toten des KZ standesamtlich registriert.
Gustav Bressem war - wie zuvor sein Vater August - bei der Flensburger Sodafabrik im Brauereiweg als Werkmeister beschäftigt. In der Firma genoss er bei Vorgesetzten und Kollegen ein hohes Ansehen. Im Jahr 1932 schloss er sich der Vereinigung der Bibelforscher an, übernahm in Flensburg eine führende Position.
Die kleine Gruppe der Zeugen Jehovas – ihre Zahl betrug 1933 in ganz Schleswig-Holstein etwa 500 – verweigerte sich standhaft dem totalitären Machtanspruch der NS-Ideologie und geriet so in das Visier des Repressions- und Verfolgungsapparats Hitler-Deutschlands. Noch im Jahr ihrer Machtergreifung verfügten die Nazis ein Verbot der Organisation der Zeugen Jehovas.

Erste polizeiliche Hausdurchsuchungen, bei denen Bücher und Geräte beschlagnahmt wurden, verunsicherten zunächst die Zeugen Jehovas auch in Flensburg. Doch bald gaben sie ihre Zurückhaltung wieder auf, setzten – nun verdeckt – ihre Tätigkeit fort und verhielten sich unbeugsam gegenüber den Machthabern, indem sie beispielsweise den Hitlergruß und den Kriegsdienst ablehnten. Das Regime reagierte mit Härte: Festnahmen, Gerichtsverfahren und sogenannter „Schutzhaft“. 1935 wurde Bressem mit weiteren Zeugen Jehovas von einem in Flensburg tagenden Sondergericht in einer Art Schauprozess verurteilt und in das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland eingewiesen. Nach einem Monat wurde er entlassen, nachdem er einen Revers mit der Zusicherung unterschrieben hatte, dass er sich in Zukunft nicht mehr „staatsfeindlich“ betätigen und sich regelmäßig bei der Gestapo melden werde.
Bei einer Durchsuchung eines Arbeitsplatzes in der Sodafabrik im November 1936 entdeckte die Polizei Kisten voller illegaler Bücher und Schriften. Bressem wurde erneut festgenommen und vor ein Sondergericht gestellt. Das Urteil: ein Jahr Gefängnis. Doch nach Verbüßung der Strafe wurde Bressem nicht auf freien Fuß gesetzt. Vergebens forderte seine Familie – unterstützt von seinem Arbeitgeber – wiederholt die Freilassung. Bressem blieb in Haft und musste in den folgenden Jahren die Hölle mehrerer Konzentrationslager durchleiden. Die fünfköpfige Familie in Flensburg wurde im Unklaren gelassen über das Schicksal des Inhaftierten – bis sie eine kurze Nachricht aus Buchenwald erhielt, Gustav Bressem sei am 29.1.1944 im Lager verstorben. 

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