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Polnische Sinti und Roma : Großfamilie auf Diebestour

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Polizei hat eine polnische Bande auf dem Radar. Die Strafkammer verhandelt seit gestern gegen zwei Mitglieder .

shz.de von
erstellt am 15.Dez.2015 | 19:16 Uhr

Flensburg | Kleine Fische, sollte man meinen. Zwei Männer, 26 und 31 Jahre jung, müssen sich vor der 1. Großen Strafkammer am Flensburger Landgericht verantworten. Diebstahlsgeschichten, Betrügereien mit geklauten Scheckkarten, der berüchtigte Lastschrift-Trick. Üblicherweise nichts, was Stoff für eine große Kammer mit einer Strafgewalt von vier bis zu 15 Jahren ist. Aber dieser Fall liegt anders. Die beiden Angeklagten sind nach Erkenntnissen von Kripo und Staatsanwaltschaft Teil eines Flensburger Familienclans, der die Ermittler seit vielen Jahren schon intensiv beschäftigt.

Der Sinti-Clan polnischer Herkunft umfasst gut 80 Personen, von denen gegen die Hälfte nach Angaben der Bezirkskriminalpolizeiinspektion Flensburg (BKI) immer wieder mal ermittelt wurde. Die beiden Angeklagten gehören dazu. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, 2011 über polnische Mittelsmänner bei Flensburger Autovermietern einen VW-Transporter, einen Opel Corsa und einen VW-Passat angemietet und nach Polen verschoben zu haben. Die Mittelsmänner, die die Fahrzeuge angemietet hatten, verschwanden ebenso spurlos in Polen wie die Autos im Gesamtwert von 72  000 Euro, die von einem der beiden Angeklagten dort verkauft worden sein sollen.

Weitere Tatbeteiligungen werden im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Altmetall aus einem Söruper Unternehmen verfolgt, schließlich gilt es noch einen weihnachtlichen Einkaufsbummel aufzuklären. Dabei wurden zwei Scheckkarten der Hypo-Vereinsbank und der Nospa Konten mit 600 Euro belastet, die von Strohleuten frisch eröffnet worden waren und über keinerlei Deckung verfügten. Die Anklage unterstellt, dass die beiden Flensburger als Mitglied einer Bande handelten, gegen weitere Familienmitglieder, die Weisungen erteilt haben sollen, laufen ebenfalls Verfahren vor dem Landgericht.

Bei der Kripo verfolgt man die Verfahren mit großem Interesse. Denn BKI-Leiter Mathias Engelmann und sein Ständiger Vertreter Michael Raasch versuchen den Fahndungsdruck auf die Sippe hoch zu halten. In der Hoffnung, dass einer dort mal einen entscheidenden Fehler macht. „Viele der Clan-Mitglieder sind polizeibekannt“, sagt Engelmann. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren umfangreiche Ermittlungen hauptsächlich wegen Eigentums- und Vermögensdelikten. Aber für eine Verurteilung reichten die Bemühungen trotz starker Verdachtsmomente nicht, muss der BKI-Chef einräumen. Der Familienverband sei perfekt gegen die Außenwelt abgeschirmt, Kooperation mit der Polizei ein schweres Ehrendelikt, die Aussagebereitschaft – wegen enger verwandtschaftlicher Beziehungen und konsequent hoch gehaltener sprachlicher Barrieren – tendiere gegen Null. Denkbar unbefriedigend für die Kripofahnder, zumal diese Familienbande eine eigentlich inakzeptable Qualität haben: „Wir finden viele deutliche Hinweise auf organisierte Kriminalität.“

Für die Betrugsdelikte mit dem Lastschrift-Trick würden geschickt polnische Strohleute eingeschaltet, die oft selber kaum eine Ahnung von ihrem Tatbeitrag hätten. Sie eröffnen als „Saisonarbeiter“ die Girokonten und seien längst über alle Berge, wenn der Kreditkartenbetrug auffliegt. Und die Autos, auch die würden von Komplizen gemietet, deren Spur sich schnell wieder verliert. Die Kooperationswilligkeit der polnischen Kollegen halte sich streng in polnischen Grenzen. „Jenseits der Grenze leben ganze Landstriche vom Ausschlachten gestohlener deutscher Autos. Da kümmert sich keine Polizei drum. Die Wagen verschwinden in Richtung Ukraine und sind weg.“

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