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Folk-Baltica 2017 Flensburg : Große Reise, viele Stationen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von Trollen, Kobolden, sogar einem Kaktus erzählten die reisenden Musiker beim diesjährigen Folk-Baltica-Festival, das am Sonntag endete

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2017 | 12:12 Uhr

Große Reisen geschehen manchmal auch ungewollt oder bringen Reisende auf Abwege. Das polnische Frauentrio zum Beispiel, das am Sonnabend in Unewatt erwartet wurde, schaffte es gerade so noch pünktlich auf die Bühne. Wegen Unwetters, so hieß es, konnte der Flieger nicht in Hamburg landen und wurde nach Stettin umgeleitet. Alles auf Null. Mit der Bahn nach Berlin, weiter nach Hamburg, im Auto nach Unewatt. Zehn Minuten vor Konzertbeginn waren sie da – eben „die große Reise – den store rejse“, Motto des Folk-Baltica-Festivals, das gestern in St. Marien „Wehmut & Hoffnung – Vemod & Håb“ Abschied feierte.

Wer ein Festivalticket hatte und damit alle Konzerte besuchten konnte, der traf bei fast jedem Auftritt Festivalchef Harald Haugaard, dem offenbar Flügel gewachsen waren – anders hätte er all die Termine gar nicht bewältigen können. Auf seine Kappe geht vermutlich auch der kleine amerikanische Schwerpunkt in diesem Jahr mit Kimberley Fraser, Alejandra Ribera, Dwight Lamb, Aoife O’Donovan und – zum Teil – Martin Simpson. In der St. Jürgen-Kirche am Freitag fanden auch spontane Besucher leicht einen Platz, als der Engländer Simpson zunächst mit feinster Gitarrentechnik und typisch britischer Folkstimme eine ausgewogene Mischung aus Traditionals und eigenen Songs präsentierte. Einige Nummern hatten eine deutlich amerikanische Einfärbung, war Simpson doch längere Zeit in den USA. In der Kirche war es mucksmäuschenstill, hingebungsvoll lauschte das Publikum dem bisweilen meditativen Saitenklang. Im zweiten Set tischte das kanadische Trio um Alejandra Ribera überwiegend ruhige, getragene Songs auf, die von der expressiven Stimme der Sängerin dominiert waren.

Zur besten Marktzeit am Sonnabend fanden sich in der Aula des Museumsbergs nur rund drei Dutzend Zuhörer ein, um folkige Melodien und Harmonien im klassischen Gewande zu hören. Die klassisch geschulte norwegische Pianistin Ingrid Breje Nyhus brachte die düstere Stimmung der von Trollen bewohnten Wälder und Fjells ihrer Heimat am Konzertflügel zum Klingen. Sie ist ein Beispiel für die seit Jahren stärker werdende Verbindung und Verschmelzung von Folk und Klassik. Ihren letzten Auftritt beim Festival hatte Dota Kehr im Saal der Sydbank. Torge Korff, Vorsitzender des Trägervereins, interviewte die 38-jährige Sängerin aus Berlin, die ein paar Kostproben aus ihrem großen Repertoire bot – und in Aussicht stellte, irgendwann nach Flensburg zu ziehen.

Zum ersten Mal Flensburger Boden betrat Aoife O’Donovan. Die Sängerin und Gitarristin mit irischen Vorfahren, die in Boston aufwuchs, war ganz angetan von der Hafenstadt und dem „crazy shipbuilding-place“, der Robbe- und Berking-Werfthalle. Umspielt vom Abendlicht eröffnete sie mit ihren Musikern Steve Nistor (Schlagzeug) und Anthony da Costa (schöner Gitarrensound, prima zweite Stimme) das Hauptkonzert am Sonnabend. O’Donovans schwelgenden Songs mit Anflügen an Country um wunderbare Melodien herum harmonierten mit der Atmosphäre. Auch ihr Solo zu Ehren keltischer Folktraditionen ging unter die Haut. Traditionell und doch verwegen spielte Basco danach auf. So viele Musiker wie Nationalitäten folkten hier die Bühne, nämlich vier. Gast-Sängerin Jullie Hjetland aus Norwegen war nicht so lieblich, dafür lauter als zuvor Aoife O’Donovan. Das Quartett mit Basis in Dänemark hatte im Folk-Baltica-Ensemble seinen Fanclub. Die Nachwuchstalente, wie im übrigen viele andere der teilnehmenden Musiker, verschwanden nicht, sondern wurden selbst zu Zuhörern. Hal Parfitt-Murray, Schotte, Sänger und Geiger bei Basco, übernahm das Erzählen. Blutrünstig waren manche Geschichten – „different times“, kommentierte er trocken und teilte den einen oder anderen politischen Seitenhieb aus. Gut so.

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