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Flüchtlinge in Flensburg : Große Politik sorgt für Stau im Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Wohnungsnot in Schweden lässt Transitflüchtlinge in Flensburg zögern. Mittlerweile gehen die Wasservorräte zur Neige.

Flensburg | Die Bahnhofshalle und sein Vorplatz als Kristallisationspunkt der großen Politik: Ein Notruf aus Schweden an die Brüsseler EU-Kommission, die Grenzen des Machbaren bei der Aufnahme von Flüchtlingen seien in dem skandinavischen Land erreicht, hat am Freitag am Flensburger Bahnhof unmittelbar seine Spuren hinterlassen. „Die Nachrichtenlage ist extrem gemischt und ernstzunehmend, wenn Schweden sich vorbehält, die Grenze zu schließen“, sagt Landtagsabgeordnete Simone Lange, die das ehrenamtliche Helfernetzwerk am Bahnhof mitkoordiniert. „Wenn die Flüchtlinge solche Nachrichten lesen, wollen sie nicht mehr weiter“, sagt die SPD-Politikerin und ergänzt: „Dänemark lehnen sie als Ziel ab.“ Das bedeutet: Hunderte Geflohene sitzen im Flensburger Bahnhof und grübeln, ob sie die Reise Richtung Schweden noch wagen sollen.

Die Helfer von „Refugees welcome Flensburg“ sind zwischen Hamburg und Malmö, Rostock und Kopenhagen, Kiel Fredericia vernetzt: „Wir haben in Malmö abgefragt und das Signal bekommen: Hier ist alles noch entspannt. Es wird keiner abgewiesen.“ So machen sich gegen 15 Uhr mal wieder drei Busse mit gut 150 Flüchtlingen auf den Transit über Ellund Richtung Kopenhagen.

Es ist die neunte Woche für die Helfer vom Bahnhof – und nur die überwältigende Hilfsbereitschaft und ihre ausgeklügelte Organisation samt hauptamtlicher Unterstützung der Stadt verhindern, dass Ehrenamtler umkippen wie gerade in Hamburg. Der mehr als 60 Engagierte umfassende harte Kern der Ehrenamtler vom Bahnhof hat zum Beispiel Dienstpläne für eine Woche im Voraus. Rechnet man gut 800 durchreisende Flüchtlinge pro Tag am Bahnhof, dann sind seit Beginn der Krise am 9. September glatt 50.000 Menschen über Flensburg nach Schweden geflohen – Flüchtlinge, die alle in den ohnehin aus allen Nähten platzenden Erstaufnahmeeinrichtungen gelandet wären, wenn sie – wie bis Anfang September üblich – aufgegriffen und registriert worden wären.

Am Freitag gelang selbst die gut dosierte Abstimmung mit Hamburgs Hauptbahnhof nur noch teilweise. „Hamburg wollte 200 Menschen schicken, aber der Druck war so groß, dass 400 kamen“, berichtet Lange. Das wiederum erzeugt in der Flensburger Bahnhofshalle einen so großen Auflauf, dass bereits überlegt wurde, die Turnhallen am Nachmittag zu öffnen, um Platz zu schaffen.

Auffällig viele Familien mit Kindern reisten am Freitag durch den Bahnhof, darunter zahlreiche kranke Kinder. Auch die Wasservorräte der SG-Lastwagenlieferung sind aufgebraucht. Eine neue 2000-Euro-Spende soll die Lücke schließen, die Lieferung wird aber erst Dienstag erwartet.

Ob der Bahnhof vor einem schwierigen Wochenende steht? Das konnte am Freitag niemand vorhersagen. Für 18 Uhr hatte die Stadt alle Ehrenamtler vom Bahnhof zu einer kleinen Feier in die Feuerwehr geladen – eine schöne Geste an die Engagierten. Da passte es, dass die meisten Flüchtlinge sich bis zum frühen Abend doch auf den unsicheren Weg nach Malmö machten.

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erstellt am 07.Nov.2015 | 08:00 Uhr

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