Flensburgs Naturschutzbeauftragter : Große grüne Dinge anpacken!

Vorzeigegebiet mit 36 Hektar Grün: Flensburgs Naturschutzbeauftragter Jürgen-Uwe Maßheimer im Scherrebektal im Flensburger Süden.
Vorzeigegebiet mit 36 Hektar Grün: Flensburgs Naturschutzbeauftragter Jürgen-Uwe Maßheimer im Scherrebektal im Flensburger Süden.

Flensburgs Naturschutzbeauftragter Jürgen-Uwe Maßheimer zur Entwicklung und Lage der Grünflächen in der Stadt

shz.de von
11. Juli 2018, 06:32 Uhr

Herr Maßheimer, fühlt man sich als Naturschutzbeauftragter in Flensburg manchmal auf verlorenem Posten?
Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch und sehe eine große Ernsthaftigkeit der Stadtverwaltung und der Politik, die Grünbelange richtig händeln zu wollen. Natürlich bringt das Ziel, 100 000 Einwohner erreichen zu wollen, große Konflikte. Da fallen die Grünbelange in der Abwägung viel zu häufig hinten runter. Es gibt aber immer auch mal Teilerfolge des Naturschutzes, wenn bestimmte Bauvorhaben nicht oder in einem vernünftigerem Maß realisiert werden – oder wenn es gelingt, ein zusammenhängendes Gebiet wie das Scherrebektal zwischen der Rude und Weiche in einer Größe von 36 Hektar mit kommunalen Mitteln für den Naturschutz zu entwickeln.

Dass die Stadt wächst, hat sie nicht in der Hand. Wir haben gute Unternehmen, einen florierenden Campus. Welchen Wunsch hat der Naturschutzbeauftragte einer wachsenden Stadt an die Ratsversammlung?
Als Oberzentrum mit verhältnismäßig kleinem Stadtgebiet kann man diese Probleme nicht allein auf Flensburger Gebiet lösen. Man hat das auch bei der Standortsuche für ein neues Krankenhaus wieder gesehen. Wir müssen das Umland viel stärker einbeziehen – allerdings auf Augenhöhe. Wir stellen jetzt wieder ausschließlich für das Stadtgebiet einen neuen Flächennutzungsplan auf und untersuchen zum dreiundreißigsten Mal die immer gleichen Grün- und Freiflächen auf Eignung als Bauland. Dieses verbliebene Grünflächensystem ist aber nicht nur für den Naturschutz sehr wichtig, sondern auch für Erholung und Freizeit der Bevölkerung. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren viele Flächen verloren, die überbaut wurden.


Und wie das Umland einbeziehen?
Auch wenn das Verhältnis zu den Umlandgemeinden fragil ist: Bilaterale Absprachen für gemeinsame Gewerbegebiete oder Wohnbaukontingente greifen zu kurz. Hier ist viel Zeit verloren worden. Das Thema ist ja nicht neu. Es bedarf daher einer verbindlichen und zeitnahen gemeinsamen Umlandplanung. Hohe Anforderungen an die Kreativität und das Fingerspitzengefühl der Stadt und der Nachbargemeinden sind aber aus meiner Sicht unumgänglich, wenn es nicht zu weiteren massiven Einschnitten in das Grün der Stadt kommen soll. Ein Stück des Schwarzen Peters geht auch nach Kiel: Die Landesplanungsbehörde, die steuern sollte, tut es nicht – egal, unter welcher Regierung.

Welche Grünflächenverluste haben Sie besonders geschmerzt?
Aktuell habe ich Probleme mit der Erweiterung des Katharinen-Hospizes in den Christiansenpark hinein und mit dem Bauvorhaben Post-Hotel / Parkhaus. Auch wenn das Hospiz eine untadelige unterstützenswerte Einrichtung ist; der Christiansenpark ist als klassischer Landschaftspark das einzige verbliebene Relikt der Stuhr’schen bzw. Christiansen’schen Gartenlandschaft auf der Westlichen Höhe. Das ist nicht nur ein herausragender Park mit altem Baumbestand, sondern auch unser gemeinsames Kulturerbe, das in seiner Gesamtheit zu erhalten ist.

Was stört Sie am Hotelprojekt Bahnhof. Geht es um den Wald am Hang?
Bei dem Projekt an der Post geht es um eine weitere Baumaßnahme in einem extrem schwierigen Umfeld: Altbaumbestand mit Bestandsschutz nach Waldrecht, schwieriger Baugrund aufgrund des alten Mühlenteiches, geplante Gebäude, die den städtebaulichen Maßstab sprengen. Überhaupt gehen wir heute aus unserer Bauflächennot mit großem finanziellen Aufwand an Bereiche, die man früher tunlichst in Ruhe gelassen hätte. Ich denke an das Bahnhofstal rund um das Kühlhaus und insbesondere das Projekt Freiland, das jetzt gerade Grundsteinlegung hatte ...
... aber nur die Erschließungsstraße ...
... ja, eine lange Geschichte. Das sind Standorte, die weder aus wirtschaftlicher Perspektive mit Blick auf den Baugrund noch aus Naturschutzsicht Sinn machen.

Aber wenn die Fläche ohnehin belastet ist, und es sich für einen Investor rechnet, ist es doch okay?
Ein Projekt wie Freiland rechnet sich nur, wenn wir als Allgemeinheit über die Sanierungsmittel mit einsteigen. Der Beirat Naturschutz hat das Bahnhofstal noch zu Zeiten von Oberbürgermeister Tscheuschner als kleines Naturschutzgebiet vorgeschlagen, weil wir dort alles haben: Trockenrasenhänge, Feuchtbiotope, Bäche, Spontanvegetation, klassischer urbaner Dschungel. Uns erschien das Gesamtgelände als Grünachse schützenswert, die sich bis „Achter de Möhl“ hinzieht. Nun werden wir in diesem Teil des Bahnhofstales nur ein schmales grünes Band zwischen Freiland und den weiteren geplanten Bauflächen rund um das Kühlhaus bekommen.
Das Freilandlabor der Uni ist seit Sturm Christian auch zerstört.
Genau, dieses Angebot der Naturvermittlung mit der Uni als Träger soll es jetzt auf dem Campus geben, aber es wird nicht das Gleiche sein. Ich bedauere, dass die Uni sich dort als Träger herausgezogen und keine Finanzmittel mehr für die Sicherung des Gebietes und die Sanierung der Treppe in das Tal bereitgestellt hat.

Wo sehen Sie gute Entscheidungen?
Dass zum Beispiel für den Neubau der Hohlwegschule nun doch nicht die Flächen zwischen der Käte-Lassen-Schule und dem Adelbyer Kirchenweg verbraucht werden, sondern auf dem Gelände an der Glücksburger Straße gebaut wird. Das hätte die größte Grünfläche im Stadtteil Jürgensby betroffen. Das sind so kleine Erfolge.


Sie sagen, man muss größer denken: Sind sie mit den Bauprojekten zu beiden Seiten der Hochfelder Landstraße einverstanden?
Das wirkt auf mich wie ein städtebaulicher Hybrid – einerseits der Wunsch, verdichteter zu bauen und dann wieder der klassische Einfamilienhausbau, der sich für mich zu weit in die gewachsene Angeliter Kulturlandschaft hineinzieht. Das geht leicht an die Grundsatzfrage: Können wir den Menschen wirklich das geben, was scheinbar immer noch nachgefragt wird, aber sehr viel Fläche benötigt und damit Landschaft frisst – oder wollen wir sagen: Stadt- und Landschaftsplanung ist eigentlich auch eine Auseinandersetzung mit neuen und weniger raumgreifenden Bau- und Wohnformen. Die Nachbargemeinde Harrislee zieht das alte Siedlungsmodell stringent durch – und setzt in Richtung Niehuuser Tunneltal weiterhin auf das klassische Einfamilienhaus mit umgebendem Privatgarten. Ökonomisch vielleicht erfolgreich, ökologisch für mich fragwürdig.

Braucht Flensburg einen Umweltausschuss, der nicht vornehmlich ein Bauausschuss ist?
Unbedingt. Man müsste bloß klären, welche Kompetenzen er hat und welche Themen er behandelt. Als Alibi-Organ für Grünwettbewerbe in Kleingartenkolonien brauchen wir ihn nicht. Er müsste klar planerische Kompetenzen haben. Wir müssen auch bei der Grünflächenpflege genauer hinsehen. Wir haben hier einen Systemfehler, da der Haushaltsansatz für Grünflächenpflege im Stadtgebiet generell zu niedrig ist. Die Politik reagiert auf Klagen der Bürger wie jetzt im Volkspark, und es wird versucht, den Haushaltsansatz für einzelne Gebiete wie eben den Volkspark oder Twedter Mark zu erhöhen. Aber das Problem betrifft alle Grünflächen. Wir hatten eine Veranstaltung mit dem Verein östliche Altstadt an der Großen St.-Jürgen-Treppe. Eigentlich müsste auch hier mehr gemacht werden. In der Stadt ist Verwildern nicht zwangsläufig Naturschutz, sondern führt zur Artenarmut.


Das kann man eigentlich für alle Stadtteile durchdeklinieren. Mir fällt das sofort auch Johannistreppe und Johannisallee ein.
Ja, und das ist gar keine Kritik am TBZ. Die machen wirklich gute Arbeit. Das ist ein Fehler, den man mit Geld reparieren könnte. Das ist wie mit der Straßenunterhaltung. Wenn man 30 Jahre nicht investiert, bekommt man Grundsatzprobleme. Im Grün sieht man es nicht so deutlich, wenn die gärtnerische Qualität leidet. Es wächst stärker zu und wird artenärmer, aber wird nicht so wahrgenommen.


Wenn Sie das Grün in der Stadt mit der von vor 30 Jahren vergleichen sollten: Wie fällt Ihr Urteil aus?
Wir haben natürlich einen erheblichen Flächenverlust. Von Tarup und Sünderup bis Kauslund-Osterfeld – interessanterweise verstärkt auf der östlichen Seite. Sicherlich auch eine Folge des Baus der Osttangente und ihre Erschließungsfunktion für die östlichen Stadtteile. Auf der anderen Seite sehe ich schon, dass wir gerade über die Stadtsanierung wirklich Gutes geschafft haben und weiterhin schaffen. Die Renaturierung des Lautrupsbaches und die Anlage einer durchgängigen Wegeverbindung entlang des Gewässers war eine Großtat. Davon könnten wir auch in Zukunft gerne mehr haben! Die Fördebäche und ihre Talräume wie auch insbesondere die Hangkanten sind ja stadtbildprägend und ökologische Leitlinien. Was mir fehlt, ist der Mut, mal wieder große grüne Dinge anzupacken. Die hochgelobte High Line in Manhattan, eine zur Parkanlage umgestaltete aufgeständerte frühere Güterzugtrasse, ist nur 2,3 km lang. Da haben wir mit unserem Bahndamm zwischen Hafenspitze und dem Mühlenstromtal doch mehr zu bieten, insbesondere wenn es gelingen würde, so ein grünes, innerstädtisches Band mit anderen Grünflächen zu verknüpfen!



zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen