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Geschichte in Flensburg : „Gräber sind Prediger des Friedens“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

400 Menschen wanderten gestern in Gedenken an die gefallenen Soldaten des deutsch-dänischen Krieges von Flensburg nach Oeversee

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2017 | 07:45 Uhr

Dort, wo vor 153 Jahren in einer verlustreichen Schlacht während des deutsch-dänischen Krieges österreichische Soldaten, die für Preußen kämpften, und dänische Soldaten in so großer Zahl fielen und schwer verwundet wurden, dass sich der Schnee rot färbte, gedenken Deutsche und Dänen seit 2004 gemeinsam der Toten. An dem gestrigen Oeversee-Gedenken, zu dem wiederum das deutsche Stammkomitee von 1864 und die dänische Kulturvereinigung im Landesteil Schleswig, Sydslesvigsk Forening, aufgerufen hatten, beteiligten sich rund 400 Personen vor allem aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Sie marschierten bei nasskaltem Winterwetter entlang der Landesstraße 317 von Flensburg nach Sankelmark.

Am „Denkmal am Walde“ machte der Zug einen Halt, um Kränze niederzulegen. Hier liegen in einem gemeinsamen Massengrab 43 Österreicher und 14 Dänen. Das Denkmal wurde 1870 vom damaligen „Hülfskomité von 1864“ errichtet, aus dem das Stammkomitee von 1864 hervorgegangen ist. „Oeversee’s Feld sah Deutsche und Dänen im heißesten Kampfe, was sich im Leben bekämpfte, ruhet jetzt friedlich vereint“, ist in der Inschrift des Denkmals zu lesen. Kränze wurden ebenfalls am dänischen Denkmal oberhalb des Sankelmarker Sees und am gegenüber gelegenen Denkmal zu Ehren der österreichischen Gefallenen niedergelegt.

In der Rede vor dem Österreicher-Denkmal hob Flensburgs Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar hervor, dass das Gedenken nicht in erster Linie an das eigentliche Schlachtgeschehen, an Sieger und Besiegte anknüpfe, sondern dass die Fürsorge für die Opfer des Kampfes und die Pflege der Kriegsgräber Ausgangspunkt dieser Tradition seien. Besonders erfreulich sei, „dass seit fast 15 Jahren Deutsche, Österreicher und Dänen gemeinsam der Schlacht von Oeversee gedenken“. Angesichts der Grabstätten und Denkmale machte sich Krätzschmar ein Wort des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer zu eigen: „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens.“

Im deutsch-dänischen Grenzgebiet habe es etwa fünf Generationen vom Gegeneinander zum Miteinander gebraucht, sagte Krätzschmar, die nach der Österreicherin Barbara Gross, Vizepräsidentin des Steirischen Landtages, 2009 als zweite Frau in der langen Geschichte des Oeversee-Gedenkens die offizielle Gedenkrede hielt. Erst die in der Volksabstimmung von 1920 gefundene Grenzziehung sei die Grundlage für das heutige Miteinander. Der damalige Beschluss, eine Volksabstimmung durchzuführen, sei von oben gekommen, die Abstimmung selbst sei eine Entscheidung von unten gewesen – eine freie Entscheidung der Bürger, also ein Akt demokratischer Selbstbestimmung. Selbstbestimmung sei der Schlüssel zu Freiheit und Demokratie.

Im Zuge ihrer Bemühungen, Kontakte zwischen dem Förde-Gymnasium in Flensburg und dem Oeversee-Gymnasium in Graz zu fördern, besuchte die Stadtpräsidentin kürzlich die Landtagspräsidentin der Steiermark, Bettina Vollath, die sie – Krätzschmar – gebeten habe, anlässlich des Oeversee-Gedenkens eine Grußadresse zu überbringen. Darin betont die Politikerin aus Graz, dass die Schlacht von Oeversee einen festen Platz in der Geschichtsschreibung Österreichs einnehme. Gleichzeitig müsse daran erinnert werden, dass „Friede und Demokratie keine Naturgesetze sind und jeden Tag aufs Neue verteidigt werden müssen“.

Abschließend unterstrich Krätzschmar, dass das Oeversee-Gedenken zu keinem Zeitpunkt ein staatlich verordnetes Gedenk-Ritual gewesen sei. Sie sagte wörtlich: „In meinen Augen ist das Oeversee-Gedenken etwas viel Nachhaltigeres – nämlich die regionale Selbstverpflichtung engagierter, freier Bürger, die sich der großen Bedeutung von Geschichte und Tradition bewusst sind.“

Das Oeversee-Gedenken 2017 klang in Tarp mit einem Beisammensein aller Marschteilnehmer aus. Dabei würdigte Gerd Christiansen als Vorsitzender des Stammkomitees die Verdienste seines langjährigen, im vergangenen Jahr verstorbenen Vorgänger Hans Dethleffsen. Vor allem Dethleffsens unermüdlichen Bemühungen sei es zu verdanken, dass Deutsche und Dänen heute gemeinsam der Gefallenen des deutsch-dänischen Krieges von 1864 gedenken.

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