Graben für den potenziellen Nachbarn

Historisch korrekt energetisch saniert: FAB-Chef Braun auf dem Sandberg/Ecke Schultze-Delitzsch-Straße.  Foto: Michael Staudt (2)
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Historisch korrekt energetisch saniert: FAB-Chef Braun auf dem Sandberg/Ecke Schultze-Delitzsch-Straße. Foto: Michael Staudt (2)

Wie um die Jahrhundertwende das Sandberg-Karree entstand - und warum niemand wissen durfte, wessen Haus er baute

shz.de von
06. August 2011, 09:50 Uhr

Flensburg | Für den Traum vom Eigenheim wurde Maschinenschlosser Christian Hansen Genosse. Das 19. Jahrhundert ging gerade zu Ende und Hansen trat in Vorleistung: Steine schleppen, ausschachten, mauern, Baumaterial heranschaffen. Beim Flensburger Arbeiter-Bauverein (FAB) hatten die künftigen Eigenheimer auf einer für sie unbekannten Baustelle zu schuften und zu schwitzen. "Verhindert werden sollte, dass jemand eine Schaufel Zement mehr im eigenen Keller verbaut als der Nachbar", erzählt William Hansen (82), Enkel des damaligen FAB-Mitglieds und heute mit seiner Frau Edith Eigentümer des Hauses Voigtstraße 12, das dem Großvater im Jahr 1900 überlassen wird. Von den vier Sandberg-Karrees mit ihren "Handtuch-Grundstücken" ist noch nicht viel zu sehen, als Christian Hansen (Jahrgang 1867, nicht verwandt mit FAB-Gründer Peter Christian Hansen) an der Voigtstraße einzieht. In dem Backsteinhaus finden drei Familien Platz, die Kinder übernachten im Dachgeschoss auf Strohsäcken in Holzverschlägen.

An der Voigtstaße steht gerade die erste Häuserzeile, die Kanzleistraße ist seit 1895 bis zur Schreiberstraße bebaut. Dahinter gibt es nur Wiesen und Landwirtschaft - und seit 1808 mahlt die Johannismühle an der Grenze zu Adelbylund.

"Es darf keine Hökerei auf dem Hof betrieben werden", stand in Hansens Überlassungsvertrag. Und es wurden 15 000 Goldmark fällig - bei einem Wochenlohn von 20 Goldmark zahlte Hansen für das Backsteinhaus an der Voigtstraße rund 25 Jahre ab. "Opa hatte ja auch kein Geld", berichtet der Enkel.

Auch Manfred Braun ist dieses Viertel ans Herz gewachsen. Als die "Kinderstube des FAB" bezeichnet der heutige Genossenschaftsvorsitzende das Viertel gern. Die Karreebebauung sei einerseits an großstädtische Architektur angelehnt, doch die Genossen, die einzogen, seien in ihren Handtuch-Hinterhöfen häufig noch Selbstversorger mit Garten und Nutzvieh gewesen. In zwei der vier Karrees ist der FAB, der hier alle Häuser baute, bis heute Vermieter. Und das Geschichtsbewusstsein ist so groß, dass die ursprünglichen Häuserfronten mit Backsteinziegeln im Zuge der energetischen Sanierung nicht komplett unter dicken Dämmplatten verschwanden, sondern aufwendig komplett neu verfugt und mit Fenstern mit historischen Kapitellen verziert wurden.

Das gesellschaftliche Leben im Viertel spielt sich in einem Kiosk Voigtstraße/Ecke Schreiberstraße ab - oder in einem Damenfrisör wenige Häuser weiter. Als mit Bäcker Ketelhut im Sommer 1996 der letzte Lebensmittelladen schloss, ging eine einst märchenhafte Laden-Infrastruktur zu Ende, wie sich Hauseigentümer Hansen erinnert: Neben einem Milchladen Sandberg/Ecke Schreiberstraße und dem Kaufmann an der Stelle des heutigen Kiosks gab es weitere Kaufmannsläden an den Ecken Schreiberstraße/Kanzleistraße und Voigtstraße/Schulze-Delitzsch-Straße. Auch der Blumenladen von Wiechert ist längst Geschichte. Wenige hundert Meter weiter, wo bis vor wenigen Jahren noch seine Gärtnerei stand, sind heute Studentenwohnungen - und auch an Ketelhuts Backstube erinnert nur noch die Brezel am Eingang des Anwesens, das sich heute Studentenhaus nennt. Auch Brauns FAB vermietet hier oben heute überwiegend an Studenten.

Es gibt in Flensburg kein Viertel, in dem so viele junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren wohnen wie auf dem Sandberg. Aber das hat hier ja Tradition. Auch Maschinist und Eisenbahner Christian Hansen war gerade Anfang 30, als er hinauf auf den Sandberg zog.

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