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Museumsberg Flensburg : Glücksburgs unbekannte Künstlerin

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Martha Rothenbücher-Beckers Gemälde fanden kaum den Weg in die Öffentlichkeit. Experten bescheinigen ihr großes Können.

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2012 | 01:30 Uhr

Glücksburg | Der Kopf der jungen Frau mit den gesenkten Augenlidern ist leicht zur Seite geneigt, wodurch sich ihr Hals auf der anderen Seite anmutig in die Länge streckt (Foto). Nach unten hin reicht das Dekolleté bis zum Brustansatz. "Ein schöner Ausschnitt; eine große Innigkeit geht von dem Bild aus. Für mich ist es das schönste im Saal der ,Künstlerinnen in Schleswig-Holstein", sagt Dorothee Bieske vom Museumsberg Flensburg.

Doch wer den Namen der Künstlerin, die das Bild um 1900 malte, nachschlägt, sucht vergeblich: Martha Rothenbücher-Becker, geboren 1880 in Hamburg, gestorben 1968 in Glücksburg - so die Bildbeschriftung. Dem Kunstmarkt ist sie unbekannt. Anders als Käte Lassen, deren Bilder im Museum in direkter Nachbarschaft hängen.

Jedem Segler auf der Flensburger Förde und Glücksburgern hingegen ist die Beckerwerft ein Begriff, jene windschiefe Halle aus Holz, hinter dem Strand am Schiedenhohlweg gelegen. Julius Becker, Schiffsbauingenieur aus Hamburg, in Venezuela geboren und Ehemann der Frau mit der malerischen Begabung, erbaute sie 1906 als Werft für Kanus und kleine Segelboote. Damals holte er seine frisch angetraute Frau nach Glücksburg, eine Tochter aus gutem Hause.

Der Vater war Textilfabrikant in Berlin. Nach der Schulzeit wurde sie in die Obhut des Onkels gegeben, dem Landschaftsmaler Berthold Paul Förster. Er war von 1896 bis 1915 Professor an der Kunstakademie in Weimar und es ist anzunehmen, dass er seine Nichte inoffiziell zu vielen Unterrichtsstunden mitnahm. Als eingeschriebene Studentin ist sie in den Listen der Klassik-Stiftung Weimar nicht zu finden, obwohl Weimar als erste deutsche Kunstakademie ab 1902 auch Frauen den Zugang zum Studium ermöglichte. Kunststudenten in Weimar waren bedeutende Künstler wie Franz von Lenbach und Arnold Böcklin. 1900 wurde Max Beckmann aufgenommen. Ob Martha Rothenbücher sie kennen gelernt hat - ihre Nachkommen wissen es nicht. Den Onkel aber, einen gebürtigen Holsteiner, habe sie verehrt, heißt es in den Aufzeichnungen der verstorbenen Tochter Martha Gropius. Seiner Malweise, der realistischen Landschaftsmalerei, ist sie treu geblieben.

Als junge Frau in Glücksburg kam sie nicht viel zu ihrer Kunst. Die Beckers hatten drei Kinder, betrieben nebenbei ein wenig Landwirtschaft. Als das jüngste Kind, Falk, etwa zwölf Jahre war, hat sie wieder mehr gemalt. "Was, es ist schon Mittag!", soll sie oft gerufen haben, wenn Falk aus der Schule kam. "Sie hatte die Zeit vergessen, kein Mittagessen war fertig", erinnert sich Ingeborg Becker, 89, Falk Beckers Witwe. Wenn im Alltagsleben etwas nicht klappte, habe sie oft gesagt: "Ich bin eben durch und durch Künstlerin."

Die Großmutter habe eine glückliche Ehe geführt und das Aussteigerleben nie bereut, berichtet die Enkelin Ursula Luther, 74, die heute in Bayern lebt. Als ältere Frau war die Großmutter wegen eines Hüftleidens stark gehbehindert. Trotzdem sei sie immer wieder in ihr Atelier auf dem Dachboden der Werft geklettert. Viele Jahre war der Dachboden die Wohnstätte der Beckers. Zwei Nachkommen, die bis heute auf dem ehemals 3,6 Hektar großen Stück Land wohnen und einem weiteren Anwohner gehört das alte Gebäude. Es ist ein Industriedenkmal, ohne unter Denkmalschutz zu stehen.

Die Bilder von Martha Rothenbücher-Becker sind in der Familie verteilt. Jeder hat zehn bis 20 Erinnerungsstücke. Alles, was man zu sehen bekommt, etwa bei Ingeborg Becker, zeigt großes Können. Es sind vor allem Landschaften aus der unmittelbaren Umgebung der Beckerwerft. "Gediegen", urteilt Künstler Nikolaus Störtenbecker, der sich als norddeutscher Realist mit Rothenbüchers Art zu malen identifizieren kann.

Als Ulrich Schulte-Wülwer, damaliger Museumsdirektor, um 1990 auf Wunsch von Falk Becker die Werke begutachtete, konnte er dem Eigentümer zwar kaum Einnahmen in Aussicht stellen, aber zwei Porträts und einen Skizzenblock nahm er gerne für sein Haus mit. Es ist die einzige Öffentlichkeit, die diese Künstlerin post mortem genießt. Denn sie hat sich schwer von ihren Bildern getrennt, wenig verkauft und keine Ausstellungen gemacht. Das Schicksal vieler vielversprechender Künstlerinnen um 1900: Nach der Familiengründung fand die Kunst nur im Privaten statt.

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