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Gegen Wegwerfgesellschaft : Glückburg: Deutschlands nördlichstes Repair Café

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Glücksburg setzt ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft und nutzt die Fertigkeiten von Flüchtlingen wie Basel Altroudi.

shz.de von
erstellt am 18.Nov.2015 | 10:40 Uhr

Glücksburg | Des Widerspenstigen Zähmung. Ein Föhn will nicht mehr. Das störrische Gebläse sagt keinen Piep, ihm ist die Luft weggeblieben. Eine Nähmaschine verweigert den Dienst. Und der betagte Toaster will partout nicht länger toasten. Kein Problem für Basel Altroudi. Der Mann aus Damaskus ist „Master“ der Elektrotechnik. Unter seiner Regie werden in einem Raum des DRK-Pflegezentrums die Dinge zu neuem Leben erweckt.

Basel kam im Juni als Flüchtling nach Deutschland. Ein Asylbewerber mit feinmechanischem Verständnis und guten Aussichten auf eine feste Bleibe in Glücksburg. Und so lange er hier nicht arbeiten darf, hilft er im Repair Café. Ehrenamtlich, wie alle anderen auch. „Das“, sagt er, „ist eine sinnvolle Beschäftigung.“

Genau wie Hussein Mohamad (23) und Ahamad Bkar (30). Beide haben in Syrien als Schneider gearbeitet. Viele Jahre lang. Jetzt sitzen sie konzentriert an einer Nähmaschine, kürzen eine Jeans, flicken mit flinken Fingern eine Lederjacke und versetzen die Umstehenden mit ihren Fertigkeiten ins Staunen. „Der macht das freihändig, ohne Stecknadeln“, wundert sich eine gestandene Hausfrau. „Da kann ich ja noch etwas lernen.“

Drei Wochen haben die Syrer trainiert und auf diesen Tag hingearbeitet. Haben Bruchstellen in Rasierapparaten verlötet, Lampen und Fernseher wieder erleuchtet. Reinhard Bartsch, Initiator des Repair Cafés, von denen es weltweit schon 900 gibt, spricht zur Eröffnung ein paar einführende Worte und verliest die Hausordnung. Erklärt, dass jeder Besucher defekte Sachen von zu Hause mitnehmen und hier wieder instand setzen kann, bevor sie weggeworfen werden. Mit eigenen Händen – oder gemeinsam. Die Helfer greifen mit Know-how und Material unter die Arme. Hilfe zur Selbsthilfe. Und ist die Arbeit getan, „wird ein freiwilliger Beitrag ins Spendenschwein sehr geschätzt“.

Bartsch ist früher als Schiffsbetriebsingenieur zur See gefahren. Lange Zeit schon pflegt der 61-Jährige eine nachhaltige Lebensweise, ernährt sich gesund, gärtnert biologisch. Bewusst, bescheiden, keine Verschwendung. Und natürlich hat das Café für ihn nicht nur einen praktischen Wert, sondern auch eine politische Dimension. Ein Signal gegen die grassierende Wegwerf-Mentalität. „Viel zu viele Sachen“, sagt er, „wandern viel zu früh in den Müll.“ Doris Schiffner, „Chefin“ der Nähabteilung und Flüchtlingslotsin in Glücksburg, ergänzt: „Es kann nicht angehen, dass der ganze Elektro-Schrott nach Ghana verschifft wird, wo die Menschen ihn wieder zusammenschrauben müssen.“ Die Wachstumsgesellschaft betrachtet sie mit Argwohn, die Gleichgültigkeit, mit der die Entwicklung hingenommen werde, mache sie krank. „Ich fühl’ mich besser, wenn ich etwas tun kann.“

Das gilt mit Sicherheit auch für die aus ihrer Heimat Geflohenen. Sie kennen kaum Langeweile, pendeln zwischen einem Kochkurs an der Volkshochschule, Schwimmen in der Fördeland-Therme, dem Deutschunterricht und eben dem Repair Café hin und her. „Manchmal ist es schon ein Problem, die ganzen Termine zu koordinieren“, sagt Flüchtlingshelfer Johannes Meerbach. Das Leitmotiv, dem sich alle Beteiligten unterwerfen, ist denkbar einfach: Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, wird sich die Welt verbessern.

Unterdessen hat Basel Altroudi das eingebaute Verfallsdatum überlistet. Der Föhn hat seinen Widerstand aufgegeben – und ist repariert.



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