Flensburg : Globales Jodeln zwischen Lachmöwen und Alm-Öhi

Virtuosität und Ausdruck: Christian Zehnder, hier mit Wippakkordeon und Modellbahn, faszinierte das Publikum.
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Virtuosität und Ausdruck: Christian Zehnder, hier mit Wippakkordeon und Modellbahn, faszinierte das Publikum.

Der Schweizer Stimmartist Christian Zehnder gab ein außergewöhnliches Konzert in der Johanniskirche.

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29. Januar 2018, 18:33 Uhr

Stille. Ein Mann mit einer Kuhglocke in der Hand geht ruhig seinen Weg durch die Berge. Wind kommt auf, weht pfeifend durch die Landschaft und legt sich wieder. Mit diesem eindrucksvollen Bild eröffnete der Schweizer Stimmartist Christian Zehnder ein außergewöhnliches Konzert in der Johanniskirche. Zehnder gilt als einer der innovativsten Künstler der Gegenwart, denn er erforscht die Stimme weit über die Jodelkultur seiner Appenzeller Heimat hinaus. Er nimmt den traditionellen Vokalruf, der ohne Worte und semantische Bedeutung auskommt, als Ausgangsbasis für gesangliche Improvisationen und expressive Stimmakrobatik. Basierend auf einem Musikstudium als Bariton und Countertenor, lernte und lehrt er das Kehlkopf- und Obertonsingen aus Zentralasien, die polyphon verflochtenen Stimmführungen der Pygmäen, konzertiert mit Neuer Musik und komponiert für Oper und Musiktheater.


Lustvolles Hin und Her zwischen den Kulturen

Für das Solokonzert in der Reihe „Johannisklang“ hatte Zehnder ein fremdartiges Instrumentarium im Gepäck: ein Wippkordeon, das seine ausdruckstarken archaischen Improvisationen untermalte. Auch zwei umgebaute Orgelpfeifen, auf denen er mit Hilfe der Zirkuläratmung dynamische Klangskulpturen in den hallenden Kirchenraum schickte. Mit feinem Humor jodelte Zehnder in eine echte Schweizer Milchkanne, die als Echo antwortete und überraschend eigenständig weiterjodelte. Solch ausgeprägten Spieltrieb und Witz zeigte der Sänger auch, als er sich während des Singens von einem kleinen Verstärker auf Schienen wie von einem Fetisch rhythmisch tönend umkreisen ließ.

Zehnders globales Jodeln ist ein lustvolles Hin und Her zwischen allen Kulturen. So mischt er unbekümmert Volks- und Weltmusik, Klassik und Jazz, integriert auch Tiergeräusche, denn als passionierter Bergsteiger ist er der Natur eng verbunden. Vor dem faszinierten Publikum wechselte der Sänger geschmeidig zwischen expressiv-ekstatischem Stimmausdruck hin zum zweistimmigen meditativen Obertongesang. Mit zutiefst persönlichem Ausdruck und großer Virtuosität überzeugte er vom ersten Ton an über 100 Zuhörer von einem Klanguniversum, das man in Flensburg so noch nie gehört hat. Als Zugabe ein Appenzeller „Zäuerli“ und den tröstlichen Hinweis auf die heimischen Lachmöwen mit ihren gellenden Rufen.

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