Getreide schroten für den eigenen Erhalt

Buchstäblich 'von gutem Schrot und Korn' sind die Produkte aus dem Schwensbyer Mühlenbetrieb. Walter Skau (l.) ist bei der Arbeit, Heiko Rosin assistiert. Fotos: Köhler
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Buchstäblich "von gutem Schrot und Korn" sind die Produkte aus dem Schwensbyer Mühlenbetrieb. Walter Skau (l.) ist bei der Arbeit, Heiko Rosin assistiert. Fotos: Köhler

Sie zieren die Landschaft, die vielfältigen Baudenkmäler, die Angeln von Gütern über Mühlen bis hin zu Fachwerk-Katen zu bieten hat - kosten aber auch viel Geld, wenn sie erhalten werden sollen. Umso wichtiger ist, dass unter den historischen Dächern das Leben pulsiert. Positive Beispiele für neues Leben hinter alten Mauern gibt es genug - in einer Serie stellen wir sie vor. Heute die Schwensbyer Mühle, die derzeit für sieben Bäckereien schrotet.

shz.de von
29. Dezember 2008, 06:46 Uhr

Sörup | Sie streckt weit ihre Flügel aus und wartet auf Windstärken ab 4. "Renata" in Schwensby, die "Wiedergeborene", ist eine besondere Holländer-Windmühle: Dieses denkmalgeschützte Gebäude, 1883 von Müllermeister Hans Andreas Callsen auf einem Grundstück an der alten Kappelner Landstraße errichtet, mahlt - oder genauer gesagt - sie schrotet für ihren eigenen Erhalt.

Von seinem Arbeitszimmer aus hat Eigentümer Heiko Rosin (49) die schöne Holländerin immer im Blick. Auf dem Mühlengelände ist soeben ein Transportfahrzeug von einem Bauernhof aus Iverslund mit einer Lieferung von genau 5120 Kilogramm Weizen angelangt. "Diese Menge reicht uns für die Arbeit in den nächsten drei Wochen", schätzt Müllermeister Walter Skau (57), der in diesem Betrieb seit drei Jahren mit Hingabe schaltet und waltet. Der ursprünglich als Pädagoge ausgebildete Fachmann betreute zuvor die Flensburger Johannis-Mühle.

Ausschließlich mit Windkraft wird in der "Renata" nur noch Mais zu Tiernahrung - sprich Hühnerschrot - verarbeitet. Für die Produktion von Vollkornschrot hingegen sind für den Antrieb der wuchtigen Mahlsteine Elektromotoren eingesetzt. "Die von uns belieferten Bäckereien benötigen eine gleichmäßig gute Qualität, die wir nur auf diese Weise sicherstellen können", betont Heiko Rosin.

Die Kapazität der Galerie-Holländerin ist noch längst nicht ausgeschöpft. Rund 20 Zentner Getreide werden hier alljährlich verarbeitet. Für solch einen nostalgischen Kleinbetrieb schreiben die Behörden keine Anmeldung als Gewerbebetrieb vor. Die Fittiche über allem hält die ins Vereinsregister eingetragene "Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Schwensbyer Mühle". Sie steuert das ganze Geschehen und regelt die Finanzen. "Ohne diesen Stamm von Mühlenfreunden und Gönnern wären wir nicht im Stande, unsere Mühle am Leben zu erhalten", erklärt der Eigentümer.

Derzeit schrotet der Betrieb für sieben Bäckereien in Angeln. Der größte Abnehmer ist mit 300 Kilogramm Vollkornschrot eine Bäckerei in Böelschuby. Inzwischen haben Rosin und Skau auch die Fühler zu Bäckereien in Flensburg ausgestreckt.

Zwar ist die Schensbyer Mühle, zu der neuerdings auch ein Verkaufsraum mit Angeboten aus dem Müllerhandwerk gehört, völlig intakt - innen wie außen. Doch müssen die Betreiber an die Zukunft denken. Heiko Rosin und seine Mitstreiter wollen versuchen, eine entsprechende finanzielle Rücklage für spätere Reparaturen zu bilden. Müllermeister Walter Skau bestätigt: "Gegenwärtig schaffen wir es lediglich, die laufenden Kosten für den Mühlenbetrieb zu erwirtschaften."

In einer Gesprächsrunde mit dabei: der Söruper Bürgermeister Friedrich Martens. "Mein Elternhaus liegt nur wenige hundert Meter von der Mühle entfernt. Dieses imposante Gebäude ist mir seit meiner Kindheit vertraut und ans Herz gewachsen." Das kommunale Oberhaupt möchte die Mühlenfreunde davon überzeugen, dass die Holländerin künftig auch für standesamtliche Trauungen genutzt wird - um mehr Geld in die Kasse zu bringen.

Ursprünglich bestand die Schwensbyer Mühle ganz aus Holz, geschaffen von Mühlenbauer Erich Tönnesen aus Langballig. Das Bauwerk ist mit Schindeln bedeckt und verfügt über ein umlaufendes Zwickstell, von dem aus die Kappe mittels Steert und Winde in den Wind gedreht und die Besegelung der Flügel bedient werden kann.

In Schwensby wurde vor einem Jahrhundert Lohn- und Handelsmüllerei betrieben. Das Mahlgut lieferte Hans Andreas Callsen per Fuhrwerk an Flensburger Bäcker. Ab 1918 setzte der Müllermeister Peter Callsen die Arbeit seines Vaters fort.

Alten Aufzeichnungen zufolge wuchs die Bedeutung auch dieser Mühle während der beiden Weltkriege: Sogar nachts wurde wegen des gestiegenen Bedarfs gemahlen, zumal manche Großbetriebe in den Städten durch Zerstörung ausgefallen waren. 1958 übernahm Hans Callsen, Enkel des Gründers, die Regie.

Und alsbald folgte die Naturkatastrophe von 1962: Ein Orkan brach große Teile eines Flügels ab und beschädigte andere. Aus Sicherheitsgründen mussten Galerie und Steert demontiert werden. "Übrig blieb eine Ruine", sagt Heiko Rosin. Doch bereiteten sich alle Söruper Mühlenfreunde in den 1970er-Jahren auf die Wiedergeburt des Gebäudes vor, allen voran die Pastoren-Gattin Alma Filippow. Die Interessengemeinschaft entstand, das Landesdenkmalamt schaltete sich ein. Die Mühle wurde 1977 unter Schutz gestellt. Zur Finanzierung des Wiederaufbaus steuerte Hans Callsen "aus dem Strumpf" 100 000 Mark bei. Doch kostete das Rettungs-Unternehmen insgesamt 700 000 Mark. Das meiste Geld steuerten die Denkmalschützer bei.

Seit 1999 gehört die Mühle dem Ehepaar Heiko und Dörte Rosin, geborene Callsen. Ihr Fazit:"Wer solch ein Denkmal für die Nachwelt erhalten will, braucht neben Geld und Unterstützern vor allem Glück. Und man muss ein bisschen verrückt sein."

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