Neue Information der Staatsanwaltschaft : Getötete 17-Jährige aus Flensburg: Mireille rief schon früher den Notruf

Das Haus in der Straße Zur Exe. Hier ereignete sich die grausame Bluttat.

Das Haus in der Straße Zur Exe. Hier ereignete sich die grausame Bluttat.

Während der Sozialausschuss über mögliche Versäumnisse berät, bestätigt die Staatsanwaltschaft: Es gab einen Notruf.

Avatar_shz von
22. März 2018, 16:59 Uhr

Flensburg | Das in einer Wohnung nahe der Flensburger Exe getötete 17-jährige Mädchen hat in der Vergangenheit bereits mindestens einmal die Polizei wegen Bedrohung um Hilfe gerufen. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass sie einen Notruf abgesetzt, dann aber bei der Befragung durch die Polizei auf eine Anzeige verzichtet habe, sagte die Leitende Oberstaatsanwaltin Ulrike Stahlmann-Liebelt am Donnerstag. Über den Zeitpunkt des Notrufs machte die Juristin keine Angaben.

Der 18-jährige Freund des Mädchens – ein Asylbewerber aus Afghanistan – soll die 17-Jährige am 12. März mit einem Messer erstochen haben. Er sitzt wegen des Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft. Beide Jugendlichen standen seit Jahren unter der Obhut des Jugendamtes Flensburg – das Mädchen wegen ihrer schwierigen Familiensituation, der junge Afghane, weil er 2015 als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland kam.

In der Versöhnungskirche in Harrislee nahmen unterdessen in einem bewegenden Trauergottesdienst zahlreiche Menschen, darunter Familienangehörige und Freunde, Abschied von der erstochenen 17-Jährigen. Man sei fassungslos, traurig und voller Fragen, sagte der Pastor am Donnerstag. Er beschrieb das Mädchen als eine Person, die lebensmutig, fröhlich und furchtlos war. Sie sei eine Kümmerin gewesen.

Sondersitzung des Sozialausschusses im Landtag berät über mögliche Versäumnisse

Die junge Frau und ihr 18-jähriger Freund sollen – wie Nachbarn und Freunde lokalen Medien berichteten – zuletzt immer wieder heftigen Streit gehabt haben. Die 17-Jährige lebte seit mehr als einem Jahr allein in einer Wohnung, wurde nach Angaben eines Stadtsprechers jedoch engmaschig vom Jugendamt betreut. Eine Sondersitzung des Sozialausschusses des Landtags ergab nach Angaben von Abgeordneten auch im nicht-öffentlichen Teil keine Erkenntnisse, ob das Jugendamt möglicherweise unzureichend oder fehlerhaft reagiert haben könnte.

Vertreter des Flensburger Jugendamts und Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) beantworteten etwa anderthalb Stunden lang Fragen der Abgeordneten. Lange wies gleich zu Anfang darauf hin, dass die Behörden über die Sozialdaten der beiden nichts sagen dürften. Dies sei strafbewehrt, die Eltern der Getöteten hätten sich einen Anwalt genommen, der auf den Sozialdatenschutz achte.

Mit der Jugendhilfeeinrichtung, die das Mädchen betreute, arbeite die Stadt Flensburg schon lange zusammen, der Träger habe einen sehr guten Ruf, auch dessen pädagogisches Konzept, sagte die Leiterin des Fachbereichs Jugend in Flensburg, Karen Welz-Nettlau. Wann das Jugendamt die Einrichtung in Flensburg zuletzt kontrolliert hat, konnte ein Vertreter des Sozialministeriums jedoch nicht sagen.

Zu Beginn der Sitzung erhoben sich die Ausschussmitglieder und gedachten der Verstorbenen, ihrer Angehörigen und Freunde. „Alle Versuche, ihr Leben zu retten, waren vergebens“, sagte der Ausschussvorsitzende Werner Kalinka (CDU). In der Sitzung gab es keine Stellungnahmen zu Medienberichten, das Mädchen habe in der Vergangenheit wegen Gewalt Strafanzeigen gegen ihren Freund gestellt und wieder zurückgezogen. Auch nicht zu Berichten, die junge Frau habe plötzlich ein Kopftuch getragen, es habe wiederholt Streit gegeben, einmal habe der Rettungswagen wegen einer blutenden Verletzung des Freundes kommen müssen.

Vor der Sondersitzung hatte SPD-Fraktionschef Ralf Stegner betont, es gelte zu klären, „warum diese junge Frau Opfer einer Gewalttat geworden ist“. Auf die Frage, ob der Teenager möglicherweise aus Kostengründen nicht mehr stationär betreut wurde, sondern ambulant in ihrer eigenen Wohnung, antwortete Stegner: „Wir hören, dass solche Kostenfragen eine größere Rolle spielen bei Jugendhilfeeinrichtungen in Schleswig-Holstein als dass vielleicht angemessen ist. Aber man muss dem nachgehen, ich will das nicht als Hypothese formulieren.“

Die CDU-Abgeordnete Katja-Rathje Hoffmann zeigte Verständnis für den Vorrang des Sozialdatenschutzes. Sie gehe aber davon aus, dass das Jugendamt und das Ministerium „sicherlich irgendwann einen Bericht an uns senden. Und dann müssen wir sehen, wie wir weiter verfahren. Falls es Versäumnisse geben sollte, ist das natürlich aufzuklären – und dann ist Politik immer gefragt“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert