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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2017 | 22:18 Uhr

Hohe Nachfrage : Gesucht: Mehr Wohnheimplätze

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Beschäftigte der Behindertenwerkstätten kommen jetzt ins Rentenalter – weshalb Mürwiker und Holländerhof neue Einrichtungen planen

shz.de von
erstellt am 30.Jan.2014 | 08:13 Uhr

Die Mürwiker Werkstätten und der Holländerhof planen kurzfristig den Bau jeweils einen neuen Wohnheims. Diese eigentlich eher unspektakulären Bauvorhaben haben jedoch eine historische Dimension und erinnern an ein besonders furchtbares Verbrechen der Nazi-Herrschaft, die vor 69 Jahren endete. „1945 gab es keine Menschen mit Behinderungen mehr“, sagt Günter Fenner, Leiter der Mürwiker Werkstätten. Sie waren fast alle von den Nazis umgebracht worden.

18 Jahre später kamen die ersten jungen Menschen mit Behinderungen ins erwerbsfähige Alter. In dieser Zeit entstanden überall die Behinderten-Werkstätten. Addiert man das übliche Rentenalter von 65 zu 1945, landet man bei 2010. In der Praxis heißt das: Viele Menschen mit Behinderungen gehen in diesen Jahren in Rente und müssen irgendwo wohnen. Ein neuer Bedarf an Wohnheim-Plätzen ist entstanden, und zwar für Ruheständler.

Per Grube wohnt seit über 30 Jahren im Wohnheim der Mürwiker Werkstätten am Treeneweg. Damit ist er einer der ersten, die in den 80er Jahren einen Wohnheimplatz bekamen, als diese Einrichtungen entstanden. Am liebsten würde er auch dort wohnen bleiben und nicht in ein anderes Haus umziehen. Trotzdem weiß er, wie das neue Heim für Ruheständler beschaffen sein muss. Ganz wichtig: „Alles auf einer Ebene!“ Es gibt Rollstuhlfahrer unter Behinderten und Betagte, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Per Grube ist Sprecher der Bewohner am Treeneweg.

„Derzeit fehlen Wohnheimplätze für Jüngere“, sagt Günter Fenner. Wenn das neue Haus erst fertig ist, wird es sicher zu Umzügen kommen, so dass im bestehenden Heim Platz für den Nachwuchs geschaffen wird. Da es für die Beschäftigten wichtig ist, dass sie in einer vertrauten Umgebung in der Nähe ihrer Arbeitsplätze wohnen, haben die Mürwiker vor allem im Stadtteil Fruerlund nach einem Grundstück gesucht – und nichts gefunden. „Schweren Herzens“ habe man sich für die Freifläche am Gammeldamm entschieden. Die wird eigentlich als Bolz-, Fest- und Kinderspielplatz genutzt und auch weiter gebracht. Man plane das neue Wohnheim in U-Form, damit zumindest der Spielplatz und eine Fläche für Stadtteilfeste bleiben. Doch das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen zu sein: Auf der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses, als die Pläne abgesegnet werden sollten, wurde das Thema noch einmal vertagt. Grünes Licht gab es hingegen schon vor einigen Wochen für ein Wohnheim des Holländerhofes in der Nähe der Osttangente (wir berichteten).

Rüdiger Mau und Wolfgang Funkenweh haben behinderte Kinder und sind Elternsprecher bei den Mürwiker Werkstätten. Sie erinnerten daran, dass sie die Stadt als Kostenträger der Wohnheime mit sanftem Druck und einer Unterschriftenliste überzeugen mussten, den Bedarf an weiteren Wohnheimplätzen anzuerkennen. Derzeit (Stand) 2013 leben fast 800 Menschen mit Behinderungen in betreuten Wohnformen, bei denen die Stadt Kostenträger ist.

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