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Heiligabend in Flensburg : Geselligkeit für Einzelkämpfer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit rund 20 Jahren öffnet der Tagestreff auch am 24. Dezember – bis zu 80 Männer kommen über den Tag verteilt vorbei

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 07:23 Uhr

Werner hat jetzt ein Dach über dem Kopf, ein Einzelzimmer im Wilhelminental. Neun Monate lang hat der 75-Jährige auf der Straße gelebt. „Ich vermisse das zwar nicht, bereue es aber auch nicht“, sagt der waschechte Flensburger. Er bezeichnet sich als Einzelgänger und ist froh, dass er allein wohnt. Heute aber sucht er die Geselligkeit und verbringt Heiligabend im Tagestreff.

Hier sind alle willkommen, „die nicht allein sein wollen“, sagt Michaela Ketelsen. Sie arbeitet seit 15 Jahren für die Einrichtung für wohnungslose Männer und Männer mit Wohnproblemen, die seit 1993 besteht. In den letzten drei Jahren hatten 700 Männer beim Tagestreff ihre Postanschrift. An gewöhnlichen Tagen nutzen 45 Besucher das Angebot – Wäsche waschen, duschen oder einfach reden – auf der Etage mit 170 Quadratmetern, sagt Ketelsen. Bestimmt seit 20 Jahren, schätzt sie, öffnet der Tagestreff am 24. Dezember von 8 bis 17 Uhr – heute mit Festessen, Andacht mit Diakonie-Pastor Thomas Nolte, gemeinsamem Gesang und individueller Bescherung.

Seit 2009 bringt ein „treuer Spender“ das Menü vorbei – Grünkohl mit Bratkartoffeln – und deckt mit auf, erzählt Michaela Ketelsen. Sie wollte von dem Flensburger Gastronomen mit dem großen Herzen schon mal ein Foto machen, aber das möchte er nicht, sagt sie. Er macht das einfach. „Für die Hunde gibt’s Würstchen“, ergänzt Michaela Ketelsen. „Und wenn es mal kalt ist, bringt er einen Pott Suppe vorbei.“

Erfahrungen mit mitfühlenden Menschen hat auch Werner gemacht. „Essen habe ich nie zu kaufen brauchen“, sagt er über seine Zeit auf der Straße. Nachts habe er Flaschen gesammelt und tagsüber auf einer Isomatte und im Bundeswehr-Schlafsack geschlafen. „Den gebe ich nie wieder weg“, sagt er über seinen wärmenden Wegbegleiter. Ein Restaurantbesitzer habe ihm regelmäßig eine Pizza mitgebracht, von anderen bekam er belegte Brötchen. Leute vom Theater, die auch anonym bleiben möchten, haben ihm immer mal etwas zugesteckt. Sie haben sogar angekündigt, beim Einrichten zu helfen, wenn er aus der Obdachlosen-Unterkunft in ein eigenes Zuhause umzieht. „Die halten ihr Versprechen“, ist sich Werner sicher.

Das „Schicksal“ ließ ihn auf der Straße landen. „Erst habe ich meine Frau verloren, dann meine Tochter“, sagt der Rentner. Die große Wohnung konnte er nicht halten. Flensburg habe ein Problem mit bezahlbaren kleinen Bleiben, denn Studenten suchten auch danach. Werner war mal Steinsetzer, fuhr LKW, ist zu 80 Prozent schwerbehindert seit seinem Unfall.

Jürgen ist 20 Jahre jünger, doch seine „extrem starken körperlichen Einschränkungen“ verhindern eine reguläre Arbeit. 20 Stunden in der Woche darf er arbeiten. Er trage einen Stent, nimmt jeden Tag Tabletten und kann nicht mit Stress umgehen, erklärt der 55-Jährige. Von Beruf ist er Textilmaschinenführer, hat sich später zum Alten- und Krankenpfleger ausbilden lassen, als Pflegehelfer gearbeitet. Fürs neue Jahr peilt die Frohnatur aus Niedersachsen einen weiteren Lehrgang als Altersbegleiter an, will es wenigstens in einen 400-Euro-Job schaffen.

Jürgen wohnt noch nicht solange in einer eigenen Wohnung, war zuvor immer in Wohngemeinschaften zu Hause. Anfangs habe er sich Rat beim Tagestreff geholt in bestimmten Angelegenheiten.

Seine Schicksalsschläge behält er lieber für sich, deutet aber an, dass Erinnerungen wach werden in dieser Zeit des Jahres. „Gerade zu Weihnachten allein zu Hause zu sitzen, wäre nicht gut für mich“, weiß Jürgen und verbringt Heiligabend seit Jahren im Tagestreff. Er schätze die Gemeinschaft, das Singen, den „suchtmittelfreien Raum“. Das gehe ins Herz, sagt er, hält sich die Brust. Er bekomme dann immer „seinen Moralischen“, und bei manchem Lied kullere eine Träne.

Jürgen helfe immer beim Tischdecken, verrät Michaela Ketelsen. „Wenn ich schon etwas bekomme, gebe ich auch etwas“, entgegnet der. Zum üppigen Frühstücksbuffet um 9 mit Rührei und Krabbensalat, Käse, Wurst und Marmelade und zum Festmahl am Mittag müsse man sich aber anmelden, betont Ketelsen, bis zu 35 Menschen können teilhaben. Doch über den Tag verteilt, können alle kommen, und das seien schon mal 80.

Werner und Jürgen sind wieder dabei. „Ich liebe Weihnachten eigentlich“, sagt Jürgen sentimental und fügt hinzu: „in der Gemeinschaft“.


Wer helfen möchte – Spendenkonto: Kirchenkreis SL-FL; IBAN: DE61 5206 0410 0806 4036 54; BIC: GENODEF1EK1; Verwendungszweck: Tagestreff


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