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Vorwurf: Drogenmissbrauch : Geschlossenes Mädchenheim in Flensburg: So kämpft der Leiter gegen das Jugendamt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rolf Nagel erhebt schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter des Landesjugendamtes. Er streitet Probleme mit Drogen in der Einrichtung ab.

shz.de von
erstellt am 23.Mär.2016 | 14:30 Uhr

Flensburg | Der Leiter des geschlossenen Mädchenheims an der Flensburger Wrangelstraße, Rolf Nagel, kämpft verbissen weiter – und zieht alle Register. Nachdem er sich vergeblich gegen die Schließung der von ihm und seiner Frau Rita geleiteten „Jugendwohnungen“ für Mädchen gewehrt und trotz eines Eilantrags keine Betriebserlaubnis für eine Folgeeinrichtung in Langballig („Mädchenhaus Fördeblick“) vom Sozialministerium bekam, hat der 63-Jährige eine Hamburger Rechtsanwaltskanzlei mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Einer Dienstaufsichtsbeschwerde folgte nun eine Strafanzeige gegen drei Mitarbeiter des Landesjugendamtes.

Nach dem Verdacht auf Drogenmissbrauch war die Einrichtung geschlossen worden. Auch ein Umzug kam nicht mehr in Frage. Der Heimleiter will sich trotzdem nicht klein machen lassen.

Die Liste der Anschuldigungen ist lang. Nagel wirft ihnen die „missbräuchliche Ausnutzung eines öffentlichen Amtes zur bewussten oder unbewussten Schädigung einer privatgewerblichen Jugendhilfeeinrichtung“ vor. Im Einzelnen heißt dies: Versuch der Verleitung von Minderjährigen zu negativen Angaben zur Unterbringung, auch im Einzelgespräch ohne vorherige Einwilligung der Sorgeberechtigten. Freiheitsberaubung von Betreuten während der Aktion von Staatsanwaltschaft, Kripo und der Jugendämter am 4. März. Vorsätzliche Geschäfts- und Rufschädigung.

Insbesondere gegen eine Mitarbeiterin schießt Nagel scharf: Diese habe vor gut einer Woche beim Berliner Bezirksamt (Vormund einer Betreuten) angerufen und um Auskünfte gebeten, die seine Frau Rita Petersen-Nagel, die seit 33 Jahren in der Heimerziehung aktiv ist, belasten sollten. Sie soll überdies „persönliche Kontakte zu von uns entlassenen Mitarbeitern“ unterhalten haben. „Offenbar“, so heißt es wörtlich in einem Schreiben an das Sozialministerium, „gehen auch die zugrunde liegenden angeblich anonymen Schriftstücke, die von uns (...) ehemaligen Mitarbeitern zugeordnet werden konnten, auf gezielte, voreingenommene Wühlarbeit der Dame (...) zurück.“

Zum Hintergrund: Der Einrichtung waren vom Landesjugendamt Mängel bei der Qualität des Personals und fehlende Kommunikation mit der Heimaufsicht vorgeworfen worden. Auslöser des vierstündigen Polizeieinsatzes und der folgenden Schließung waren letztlich Fotos, die auf einen Konsum harter Drogen schließen ließen. Gefunden wurden allerdings nur Utensilien wie Tüten, in denen Amphetamine (Speed) verpackt gewesen sein sollten. Das bestätige Polizeisprecherin Franziska Jurga. Sie sagte auf Anfrage, dass es seit Januar letzten Jahres 17 Polizeiaktionen in Verbindung mit dem Kleinstheim gegeben habe, die allerdings nicht auf Straftaten zurückzuführen waren. „Es ging darum, dass Bewohnerinnen vermisst wurden oder aber um interne Streitigkeiten.“

Rolf Nagel ergänzt: „Es gab nie Probleme mit Drogen, meist nur mit Alkohol.“ Abhängige würden ohnehin nicht aufgenommen werden. „Das ist nicht unsere Klientel.“ Nur ein einziges Mädchen habe ein Drogenproblem entwickelt, sagt der Diplom-Pädagoge. Jenes Mädchen nämlich, von dem angeblich die belastenden Fotos stammen sollen. Man hätte ihr eröffnet, dass man sie aufgrund dessen nicht nach Langballig mitnehmen könne, sie sei eine Gefährdung für andere Mädchen. „Dann sorge ich dafür, dass die Einrichtung geschlossen wird“, soll das Mädchen gesagt haben. Ein Racheakt also.

Gleiches gelte für zwei ehemalige Mitarbeiterinnen. Diese sollten ursprünglich das „Mädchenhaus Fördeblick Langballig“ zum 1. April (dann wäre der Mietvertrag für die Wrangelstraße ausgelaufen) als Käufer und Träger übernehmen, sagt Nagel. Jedoch habe es Probleme bei der Finanzierung, Differenzen und schließlich eine Entlassung gegeben. Daraufhin seien die (handgeschriebenen) Briefe beim Jugendamt aufgetaucht, man sei als Konsequenz zu einem „inquisitorischen“ Gespräch gebeten worden.

Zu den Anschuldigungen, er würde unqualifiziertes Personal beschäftigen und die Qualität der Arbeit sei mangelhaft, sagt Nagel, es gebe für zehn Mädchen sechs Mitarbeiterinnen in Vollzeit, eine Rufbereitschaft rund um die Uhr. Als Nachtwachen seien Studentinnen der Flensburger Uni eingesetzt worden. „Wir haben mehr Betreuungsstunden geleistet als gefordert.“ Die Mädchen wurden beschult, in Problemlagen – etwa bei suizidalen Auffälligkeiten – habe man auf eine Kooperation mit der Fachklinik Schleswig zurückgreifen können.

Für den März habe er noch etwa 17.000 Euro an Gehältern ausgezahlt, mit den Mitarbeiterinnen habe ein Auflösungsvertrag geschlossen werden müssen. „Die Mädchen sind allesamt geschockt, dass sie ausziehen mussten. Und das Team ist zerfallen,“ sagt Nagel. „Die Einrichtung ist am Ende. Man hat sie förmlich vernichtet.“ Dennoch pocht er auf seinen Rechtsanspruch auf Genehmigung des Mädchenhauses in Langballig. „Das ziehen wir durch!“

Das dürfte keine einfach Aufgabe sein. Nach wie vor liegen begründete Zweifel an der Eignung zur Leitung der Einrichtung vor, wie das Urteil des Verwaltungsgerichts Schleswig zeigt. „Darüber hinaus sehen wir uns in der Auffassung bestätigt, dass die Mitarbeiter der Heimaufsicht korrekt gehandelt haben“, sagte Ministeriumssprecher Frank Lindscheid dem Flensburger Tageblatt. „Die Voraussetzungen für die Erteilung einer Betriebserlaubnis für Langballig liegen nach wie vor nicht vor“, verlautet aus dem Sozialministerium.

Die Anzeige gegen die drei Mitarbeiter des Landesjugendamtes dürfte zudem im Sande verlaufen. Der Kieler Oberstaatsanwalt Manfred Schulze-Ziffer bestätigte gestern, dass die Strafanzeige eingegangen, bearbeitet und geprüft worden sei. „Es gibt jedoch keinen Anfangsverdacht für eventuelle Straftaten“, sagte Schulze-Ziffer. Heißt: Ein Ermittlungsverfahren wird nicht eingeleitet.

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