Sammlung im Schifffahrtsmuseum Flensburg : Geschichten von der Ostsee

Hanna Sjöberg hat Fotos und Geschichten aus den neun Ländern rund um die Ostsee für ihr Ausstellungsprojekt gesammelt.
Hanna Sjöberg hat Fotos und Geschichten aus den neun Ländern rund um die Ostsee für ihr Ausstellungsprojekt gesammelt.

Die Ausstellung „At the water’s edge – Erinnerungen an den Kalten Krieg“ ist in Flensburg um Objekte ergänzt worden – zu sehen bis zum 3. Juni

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16. April 2018, 13:08 Uhr

Was hat der Trabi am Strand von Zingst zu suchen? Und vorn der Anhänger am Ostseesaum? Sie sind Requisiten der einzigen Fluchtgeschichte, die „At the water’s edge – Erinnerungen an den Kalten Krieg“ erzählt. Gestern wurde die Ausstellung im Schifffahrtsmuseum eröffnet.

Hanna Sjöberg hält die Worte für härter als die Bilder, ja, manche Fotos zeigten sogar Glück. Die künstlerische Leiterin, Schwedin mit Wahl-Heimat Berlin, hat das Material von Menschen rund um die Ostsee gesammelt. Familien- und Erinnerungsfotos aus der Zeit des Eisernen Vorhangs, auch vier Erinnerungen zum Hören sind dabei.

Der Trabi vom Darß gehörte dem Kraftfahrer Klaus Ebeling aus Eberswalde. Er und seine beiden Söhne ließen am frühen Morgen des 10. August 1986 ihr Boot zu Wasser, um der Mutter über die Ostsee in den Westen zu folgen. Ein Fischer jedoch verriet sie, Ebeling landete im Gefängnis. 1987 kaufte ihn die Bundesregierung frei. In einem der ausliegenden Hefter steht die Geschichte zum Trabi-Bild. Michael Heinz von der Außenstelle des Beauftragten für Stasi-Unterlagen in Rostock hatte sie dort bei der Ausstellungseröffnung im Oktober erzählt. Heinz nannte auch Zahlen: Demnach versuchten 5600 Menschen nach 1961 über die Ostsee zu fliehen, 180 bezahlten mit dem Tod, 900 gelang die Flucht, die meisten wurden verhaftet.

Die Zerrissenheit der Familie ist Sema Binias Schicksal. Ihre Geschichte beginne mit ihrer Zeugung, sagt die Ost-Berlinerin gestern im Gespräch mit Hanna Sjöberg. Binia, geboren am 13. Juni 1962, fand nie heraus, wo sie gezeugt wurde. Ihr Vater wohnte im Westen, stammt aus Istanbul, musste zurück, ihre Mutter war in Ost-Berlin. Binias eigene Geschichte ist so komplex wie die ihrer Eltern. Sie erzählt von politischen Aktionen, der Ausweisung als Hochschwangere, dem Wiedersehen mit Aktivisten im Zug, dem Versuch der Familienzusammenführung in Polen, dem Abweichen von der Transitstrecke, Umwegen mit der Fähre entlang der Ostseeküste.

Die Ausstellung wandert durch die neun Anrainer. Start war auf Gotland, dem Ort ihrer Kindheit, sagt Hanna Sjöberg, der für „Glück und Freiheitsgefühle“ steht. In Flensburg wurde „At the water’s edge“ ergänzt um einen „tactical floor“, eine Art strategische Landkarte. Und um ein Modell eines U-Jagdbootes aus dem Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrum aus Mürwik, das Museumschefin Susanne Grigull von einer Weltpremiere sprechen lässt, einer „zarten Kooperation“, die sie gern fortsetzen möchte. Sie selbst habe viel gelernt bei der Begleitung des Projekts. Grigull hofft, für Flensburg kommt ein Prozess in Gang. Viele Geschichten sind unerzählt. So wie die von dem Flensburger, der vor einer Landkarte mit der Ostsee im Zentrum von seinem seit 1944 verschollenen Großvater berichtet.

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