150 Jahre Flensburger Tageblatt : Geplanter Größenwahn

Das geplante Rathaus an der Hafenspitze sollte von einem rund 75 Meter hohen Turm gekrönt werden. Der weiche Untergrund hätte dafür mit gewaltigem Aufwand verstärkt werden müssen – oder eines Tages Flensburg einen schiefen Turm beschert. Fotos: Stadtarchiv
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Das geplante Rathaus an der Hafenspitze sollte von einem rund 75 Meter hohen Turm gekrönt werden. Der weiche Untergrund hätte dafür mit gewaltigem Aufwand verstärkt werden müssen – oder eines Tages Flensburg einen schiefen Turm beschert. Fotos: Stadtarchiv

Mitten im Zweiten Weltkrieg begann die Flensburger Stadtverwaltung die Planung für ein neues Rathaus und andere wichtige Bauten.

shz.de von
21. Juli 2015, 15:00 Uhr

Flensburg | Die Stadtoberen von Flensburg litten offenbar unter Realitätsverlust: Während Flensburger Soldaten 1941 in den Schlachten des Zweiten Weltkrieges in – wie von Hinterbliebenen in Traueranzeigen formuliert wurde – „treuer Pflichterfüllung für Führer und Vaterland ihr Leben gaben“ und die einheimische Bevölkerung Mangel litt und sich vor Bombenabwürfen der Alliierten fürchtete, wollten die Kommunalpolitiker das Stadtzentrum völlig neu gestalten, samt Neubauten für Rathaus, Museum, Polizeipräsidium und Haus der Bewegung, also einer Parteizentrale der NSDAP.

Umgekrempelt werden sollte das Gebiet zwischen der damaligen Horst-Wessel-Straße (heute Friedrich-Ebert-Straße), der Hafenspitze, zwischen Wilhelmstraße/Hafendamm im Osten und Norderhofenden/Süderhofenden im Westen. Wichtig war den Initiatoren, dass zugleich Plätze für Kundgebungen und Aufmärsche geschaffen wurden. Voraussetzung für die Realisierung dieser ambitionierten Pläne war die Abtragung des Bahndammes. Er durchzieht noch heute dieses Areal. Denn obwohl viel Zeit und Kraft in das Riesenprojekt investiert worden war, verschwanden die Baupläne um 1943 in den Schubladen der Verwaltung, und zwar für immer.
 

Erste Klagen über unzureichende räumliche Verhältnisse im alten, am Holm gelegenen Rathaus gehen schon auf die 1890-er Jahre zurück. Die Stadtverwaltung sah sich gezwungen, als Provisorium externe Büroräume anzumieten. Immer wieder wurden Neubaupläne diskutiert und immer wieder verworfen. Oberbürgermeister Ernst Kracht – seit gut zwei Jahren im Amt – gab Ende 1938 seiner Bauverwaltung den Auftrag, konkret mit den planerischen Vorarbeiten für ein neues Rathaus zu beginnen. In der Diskussion waren verschiedene Standorte, darunter auch der Bereich Südermarkt / Rote Straße / Friesische Straße. Es dauerte bis zum Frühjahr 1941, bis dem OB, den Stadträten und Dezernenten erste konkrete Vorschläge vorlagen.

„Die vorgelegte großzügige Planung fand die volle Zustimmung der Beteiligten“, notierten daraufhin die Flensburger Nachrichten und kündigten weitere Informationen im Rahmen der Etatberatungen an. Der Bericht darüber erstreckte sich über zwei Zeitungsseiten. Aus der Etatrede von OB Kracht sei unschwer zu erkennen, „daß die nationalsozialistische Kommunalpolitik, die schon vor Ausbruch dieses Krieges gute Früchte trug, unter den erschwerten Kriegsverhältnissen auch in Flensburg glänzend ihre Bewährungsprobe bestanden hat“. Stadtbaurat Friedrich Martin sei nach seinem Amtsantritt als erste große Aufgabe zugewiesen worden, die Konzepte für einen Rathausneubau und Pläne für die Neugestaltung des Raumes vom Deutschen Haus bis zum Hafen voranzutreiben.

Martin erläuterte an Hand von Planzeichnungen und Modellen die Vorschläge zur baulichen Umgestaltung des Stadtzentrums, „wobei außer der Anlage von Aufmarschplätzen, dem Neubau des Rathauses und Hauses der Partei, eines Dienstgebäudes der Polizeidirektion und eines neuen ZOB-Gebäudes auch die Schaffung von Büros, Läden und Wohnungen bedeutungsvoll sein wird“. Das Rathaus und das NSDAP-Parteihaus sollten eine bauliche Einheit bilden, „die als Backsteinbau der nordischen Stilauffassung Rechnung trägt“.

Das Rathaus, dessen Umrisslinien ein großes Trapez von fast quadratischer Form darstellten, sollte von einem rund 75 Meter hohen Turmaufsatz gekrönt werden. Die Breitseite mit rund 104 Metern Frontlänge war der Förde zugekehrt; die Schmalseite bildete die Südfront. Der Innenhof-Plan wies eine Breite von 72 und 64 Metern und eine Tiefe von 70 Metern auf. Der Haupteingang war an der Südseite vorgesehen und mit einer Freitreppe verbunden. In dem Bereich des Gebäudes waren eine Ehrenhalle, ein Festsaal, eine Ausstellungshalle und weitere Repräsentationsräume geplant. Weitere Eingänge waren an den anderen drei Seiten des Gebäudekomplexes vorgesehen. Der Zugang zu dem großen Innenhof sollte durch den Nordflügel erfolgen, der mit Arkadengang und dreireihigem Arkadendurchgang ausgestaltet werden sollte.

Die Fachleute der Neubauabteilung wiesen die Stadtpolitiker ausdrücklich auf den für ein derartiges Bauvorhaben problematischen Baugrund hin. Da der tragfähige Baugrund rund 40 m unter der Erdoberfläche liege, sei eine künstliche Fundierung mit Hilfe einer Eisenbetonpfahlgründung unabdingbar. Für das Hauptgebäude seien nicht weniger als 900 Pfähle erforderlich. Für die Außenseite der Umfassungswände wurden rote Handstrichsteine und für das Dach rote holländische Pfannen vorgeschlagen. Als Gesamtherstellungskosten für das Rathaus samt Turm und Inventar, aber ohne Grunderwerb und Straßenbaukosten, wurde die Summe von 4,8 Millionen Reichsmark errechnet – eine Summe, die (in Kaufkraft) heute gut 15 Millionen Euro entspricht.

Abgezeichnet wurden die Planskizzen und der detaillierte Erläuterungsbericht von Stadtarchitekt Theodor Rieve. Er hatte in den Jahren zuvor zusammen mit Magistratsbaurat Paul Ziegler Stadtbild-prägende Projekte realisiert, die heute unter Denkmalschutz stehen. Die Rathauspläne von 1941, an denen er ebenfalls beteiligt war, blieben unvollendet. Ein neues Rathaus erhielt die Stadtverwaltung erst über zwei Jahrzehnte später: 1964 zogen die Mitarbeiter in den heutigen, 17-geschossigen Neubau am Pferdewasser.



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