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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 18:07 Uhr

Flüchtlinge : Geordnetes Chaos im Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die ehrenamtlichen Helfer haben in wenigen Tagen eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut. Die Belastung der Helfer wächst.

shz.de von
erstellt am 14.Sep.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Das Herz dieser Stadt schlägt in diesen Tagen eindeutig im und am Flensburger Bahnhof. Auch das ganze Wochenende hindurch haben hier Freiwillige weit über 2000 Flüchtlinge empfangen, betreut und wieder verabschiedet. Die Belastungen sind inzwischen so hoch, dass nicht nur einige der Flüchtlinge mit den Nerven am Ende sind, sondern auch erstmals Betreuer angesichts der Situation in Tränen ausbrechen und professionelle Betreuung benötigen.

„Mittlerweile hat sich so etwas wie eine Infrastruktur gebildet“, sagt der 26-jährige Lennart, der am Info-Tisch hinter einem Notebook sitzt, im Minutentakt mit Helfern und Flüchtlingen auf Dänisch, Deutsch und Englisch spricht und dabei immer sein Smartphone im Blick hat. Kurz zuvor steht er noch vor dem Bahnhof an einem Kleinbus, den Adelby 1 zur Verfügung gestellt hat und der nach Kiel fahren soll – zur Schweden-Fähre. Lennart ist dicht umringt von lauter jungen Männern aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, die alle in den Bus drängen. Er beruhigt sie und versucht ihnen klar zu machen, dass der Bus – oder ein anderer – heute noch oft nach Kiel fahren werde und die Polizei ihn stoppt, wenn er zu voll ist.

Die 20-jährige Lisa hat die Nacht in der Turnhalle der Gemeinschaftsschule West verbracht; 84 Menschen haben hier übernachtet, Lisa stand für Fragen zur Verfügung. Die junge Frau ist im ersten Jahr, lernt Friseurin, geht morgens zur Arbeit oder zur Schule und hinterher zum Bahnhof, um zu helfen. Der Bahnhof ist voll von diesen Menschen, die einfach helfen wollen – allein 15 Dolmetscher sind ständig im Einsatz, „Katrine Hoop steuert sie und das läuft wie geschmiert“, sagt Simone Lange, die SPD-Landtagsabgeordnete, die so etwas wie die Leiterin des ehrenamtlichen Kristenstabes geworden ist. Noor, eine junge aus dem Irak stammende Frau, ist aus Aarhus nach Flensburg gekommen, um mit ihren Sprachkenntnissen zu helfen, wie sie auf Dänisch mit irakischem Akzent erklärt.

Übers Wochenende hat sich der Schweden-Trend immer mehr verstärkt: Angesichts der unsicheren Lage in Dänemark wollen die Menschen das Königreich möglichst weiträumig umfahren. Flüchtlinge steigen aus dem Zug und sagen „Fähre“. Wundern sich, dass von Flensburg keine Fähre nach Schweden fährt. Wollen nach Kiel – egal wie.

Die ganze Ostecke des Bahnhofs ist ein gut organisiertes, improvisiertes Chaos, in dem Helfer, Flüchtlinge, Dolmetscher, Bürger und hin und wieder ein verdutzter Fahrrad-Reisender durcheinander wuseln. Es gibt Äpfel, belegte Brötchen, Kaffee und jede Menge Getränke. Im Magazin stapeln sich Decken, Klamotten, Koffer und Rucksäcke; über Facebook wird gezielt nach bestimmten Dingen gefragt. Sonnabend werden Rucksäcke gesucht, gestern dann in Anbetracht der Wetterlage Regensachen für Kinder. Viele Bürger helfen mit Geld, so dass Menschen, denen die Mittel für Fahrkarten fehlt, schnell geholfen werden kann.

Überall kleben handgeschriebene Zettel: Lost and Found, Free Wifi, Infrastructure, Spenden, Unterkünfte, Food. Eine ältere Frau sitzt versonnen auf der Bank und mümmelt ein Brötchen, vier Jugendliche wischen über ihre Smartphones.

Die Nachrichtenlage ändert sich im Stundentakt. Am Sonntagnachmittag heißt es plötzlich: Ein Zug mit 500 Flüchtlingen ist auf dem Weg nach Flensburg. Dann kommt die Nachricht: Deutschland führt Grenzkontrollen ein, der aus Österreich kommende Zug, der weiter in den Norden fahren soll, ist leer. Wie dem auch sei: Flensburg ist vorbereitet. 150 Personen können in der Turnhalle der Gemeinschaftsschule West übernachten, und wenn das nicht reicht, „haben wir weitere Kapazitäten“, sagt Clemens Teschendorf, Sprecher der Stadtverwaltung, die auf Drängen des Helferstabes jetzt ihre Unterstützung anbietet und leistet – allerdings überwiegend im Hintergrund. „Wir haben um eine ordentliche Stromversorgung gebeten und um die Reinigung der Toiletten“, sagt Simone Lange. Seit Feuerwehr-Chef Carsten Herzog den städtischen Beitrag koordiniere, laufe es besser.

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