Flensburg : Geomorphologe: Fjord statt Förde ist Täuschung der Touristen

Eindeutig eine Förde ist die Flensburger Förde. Erkennbar ist das unter anderem an den flachen Seitenwänden – und dem Fehlen eines Gebirges.
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Eindeutig eine Förde ist die Flensburger Förde. Erkennbar ist das unter anderem an den flachen Seitenwänden – und dem Fehlen eines Gebirges.

In Umfragen des Tageblatts stimmen Flensburger und Urlauber mit großer Mehrheit für den Begriff „Förde“.

shz.de von
08. Januar 2015, 08:00 Uhr

Fjord oder Förde – die Frage, mit welchem Namen Flensburg werben soll, wird nicht nur bei den Touristikern heiß diskutiert (wir berichteten). Auch die Leser des Tageblatts wollen zu dem Thema ihre Meinung loswerden: Sowohl über Facebook, den Online-Auftritt als auch über Leserbriefe gab es einen großen Rücklauf.

Der Tenor ist dabei ziemlich eindeutig: Die Meisten wollen, dass das Aushängeschild für Flensburg nicht der Fjord, sondern die Förde ist und bleibt. Bei einer Online-Umfrage stimmten insgesamt 255 Nutzer ab, 70 Prozent waren für die Förde, nur 30 Prozent für den Fjord. Die Argumente sind häufig die gleichen. So kommentiert Kay Peters auf der Internetseite des Tageblatts: Auch die Menschen, die sich nicht mit den geologischen Feinheiten beschäftigt hätten, dürften mit einem Fjord Bilder wie den Hardanger Fjord in Norwegen verbinden. „Das ist zwar skandinavisch positiv, bleibt aber Etikettenschwindel und ist bestenfalls lächerlich. Wir leben in der schönsten Landschaft mindestens Deutschlands und müssen uns nicht mit fremden Federn schmücken.“

Auch andere Nutzer sind der Meinung, der Fjord habe in Flensburg nichts zu suchen. Bei Facebook schreibt Gunnar Johannes Hallmann: „Wer Fjorde will, wird nach Skandinavien reisen. Mich wundert, dass über eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt diskutiert werden muss.“ Und Renate Delfs, Schauspielerin und Autorin aus Flensburg, ist der Meinung: „Wir sind kein Fjord, das ist reine Erfindung.“

Aber was ist jetzt eigentlich der Unterschied zwischen Fjord und Förde? Ist Fjord und Förde das Gleiche, oder ist die Förde wenigstens auch ein bisschen Fjord? Dr. Christian Stolz kennt sich aus auf diesem Gebiet. Er ist Privatdozent an der Universität Flensburg und als Geomorphologe quasi Fjord- und Förde-Fachmann. Für ihn ist ganz klar: „Der Name Fjord ist eine Täuschung am Verbraucher, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.“ Denn: Unter Fjord verstehe man ein „ertrunkenes Trogtal im Hochgebirge“. Das bedeutet, dass sich während der Eiszeit Gletscher in den Tälern eines Hochgebirges gebildet haben. Danach ist der Meeresspiegel angestiegen, und dort, wo die Gebirge wie in Norwegen direkt am Meer liegen, ist Wasser in diese Täler eingeflossen.

Weder in Flensburg noch in Dänemark gibt es allerdings ein Gebirge. Hier gibt es deshalb nur Förden, die auch während der Eiszeit entstanden sind. Damals lag von Osten her das ganze Land bis nach Flensburg und Schleswig unter Eis. An einigen Stellen bewegte sich das Eis schneller als an anderen und leistete deshalb mehr Arbeit. Dadurch sind mit Eis gefüllte Rinnen entstanden – eine solche Rinne ist auch die Förde in Flensburg. „Bei einer Förde sind die Seitenwände relativ flach und die Ränder bestehen aus Lehm und Steinen“, erklärt Stolz. „Die Flensburger Förde ist deshalb auf keinen Fall ein Fjord, sie ist noch nicht einmal fjordähnlich.“ Dass die Dänen bei der Förde von einem Fjord sprechen, habe sprachgeschichtliche Gründe: Hier werde kein Unterschied zwischen Fjord und Förde gemacht. Der Begriff meine nur einen langgezogenen Meeresarm und gehe nicht auf die Entstehung ein. „Mit dem Begriff Fjord würde man Gefahr laufen, sich bei den Gästen unglaubwürdig zu machen, die es besser wissen“, gibt Stolz zu bedenken. „Natürlich klingt das Wort Fjord schön exotisch. Aber es ist auf die Flensburger Förde angewendet schlichtweg falsch.“

Die Schlei, die als „Ostseefjord Schlei“ beworben wird, sei übrigens noch weniger ein Fjord, denn sie sei noch nicht einmal durch einen Gletscher, sondern durch Schmelzwasser entstanden.

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