150 Jahre Flensburger Tageblatt : Gemeinschaft gegen die Trunksucht

Ältestes Gebäude der deutschen Guttempler (Schloßstraße 35, Ecke Burgstraße): Das Haus von 1772 kauften die Guttempler 1905; am 8. April 1906 wurde es seiner Bestimmung übergeben.
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Ältestes Gebäude der deutschen Guttempler (Schloßstraße 35, Ecke Burgstraße): Das Haus von 1772 kauften die Guttempler 1905; am 8. April 1906 wurde es seiner Bestimmung übergeben.

Im Sommer 1907 richteten die Flensburger Guttempler Großlogentagung und Abstinententag aus – mit Gästen aus den USA und Großbritannien

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03. Mai 2015, 07:56 Uhr

Der damalige Oberbürgermeister Jacob Clausen Møller fand auf der Ordenstagung der Guttempler im Sommer 1949 in Flensburg eine hübsche Formulierung für das Auffällige: „Es trifft sich eigenartig, daß der Orden auf seinem Zuge nach Süden als erstes eine Stadt traf, die sich seit Jahrhunderten durch ihre Rum- und Spritfabriken einen Namen gemacht hatte!“ Ausgerechnet die Flensburger Guttempler spielten bei der „planmäßig vorbeugenden Alkoholbekämpfung“, schreibt Stadthistoriker Dieter Pust, eine zentrale Rolle: „Sie waren Ausgangspunkt der Logenbewegung in Deutschland.“

Der Guttempler-Orden hat seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten im Jahr 1851, weil der Alkoholismus zum Problem wurde. Die Autoren (und Guttempler) Theo Gläß und Wilhelm Biel skizzieren den Weg des Ordens „über England nach Skandinavien – er erreichte 1883, von Dänemark kommend, den nordschleswigschen Raum und breitete sich ziemlich schnell aus“. Sie schreiben: „Die Trunksucht als Krankheit zu betrachten – das war die erste Erkenntnis, die mit den Guttemplern nach Deutschland kam.“ Am 9. Oktober 1887 wurde die erste Loge in Flensburg gegründet. Der Name „Digynia“ geht auf den Begriff der Botanik „digyn“ zurück, der auf „zwei Griffel in der Blüte“ verweist. Der Gedanke der Gründer dahinter war, dass die Deutschen und Dänen in der Loge gleichberechtigt zusammenarbeiten, die Loge zweisprachig sein sollte.

In einer Übersicht über ihre Gemeinschaft schreiben die heutigen Flensburger Guttempler, dass es mehr brauchte als das bloße Gebot der Abstinenz, um gegen die Trunksucht vorzugehen. Die Urväter der Guttempler vermieden „trockenes Vereinsleben“, sondern boten „Besinnung und Ermutigung“. Sie wählten die Ordensform und „nannten die Organisation in Anlehnung an die Tempelritter, die gleichzeitig kämpften und Verwundete pflegten, den ’Orden der guten Templer’“.

Die erste Geschäftsstelle in Flensburg war in der Vereinsstraße 27. Der Tischler Peter Jepsen war Ordens-Sekretär von 1890 an und konnte anfangs noch auf drei Quadratmetern unterm Dach des Flensburger Guttempler-Hauses seine Berichte verfassen. Ab 1897 musste er hauptamtlich ran, ein Jahr später wurde eine Hilfskraft eingestellt. 1903 wurde die Geschäftsstelle in einen Laden in der Innenstadt verlegt und sich die Lage öffentlichkeitswirksam zunutze gemacht. Seinen letzten Bericht als Sekretär gab Peter Jepsen bei der Jahrestagung 1907 ab. Als wichtigsten Beschluss dieser Zusammenkunft bezeichnen Gläß und Biel in ihrer Publikation über die Geschichte der deutschen Guttempler den Beschluss, dass die Geschäftsstelle des Ordens von Flensburg nach Hamburg in die Eppendorfer Landstraße verlegt werden sollte. Der Orden war eine große Organisation geworden.

Norbert Nissen, Unterstützer der Guttempler von heute und historisches Gedächtnis der Gemeinschaft, weiß, dass 1907, als Flensburg auserkoren war, die Großlogentagung auszurichten, rund 1000 Guttempler in der Toosbüystraße zum Demonstrieren zusammenkamen. „Man hat darauf bestanden, dass die zu diesem Tag ein eigenes Haus haben“, erklärt Nissen. Sein Urgroßvater habe miterlebt, wie die Flensburger 1905 das Haus in der Schloßstraße 35 kauften. Sein Vorfahr habe ziemlich getrunken, erzählt Nissen. Und als er nicht mehr zahlen konnte, habe der Wirt des Stammlokals die Aufnahmegebühr für den Eintritt in die abstinente Vereinigung übernommen. Er, sagt Nissen, sei als Kind automatisch in die Jugendgruppe gerutscht und zu Zeltlagern mitgefahren. Reinhard Vader, der seit 1998 Mitglied ist und zehn Jahre später „Hochtempler“, also erster Vorsitzender der Flensburger Gemeinschaft „Freischar“, wurde, bezeichnet Norbert Nissen als Förderer. Wer Mitglied werden möchte, legt bei einer Aufnahmefeier ein Gelöbnis ab, künftig drogenfrei zu leben. Wer es bricht, sei kein Mitglied mehr, dürfe aber weiterhin zu den Treffen kommen. „Wir lassen keinen fallen“, betont der Vorsitzende der Gemeinschaft.

Zurück zur Geschichte: Zum Fest von 1907 äußert sich der Berichterstatter der Ausgabe Nummer 17 von „Der Gut-Templer“ vom 18. August 1907 überaus ausführlich. Abstinententag und Großlogenfest wurden zusammen gefeiert; die vielen Vorträge könne man Abstinenten aber zumuten, „ohne daß sie davon zermürbt werden“, meinte aber der Schreiber. Eröffnet wurde der Veranstaltungsreigen mit einer Antialkohol-Ausstellung am 24. Juli „in drei Sälen des prächtigen Kunstgewerbemuseums“. Es gab ein Grußwort aus Amerika, eine Rede der britischen National Temperance Federation. Vorträge trugen Titel wie „Philosophie der Enthaltsamkeit“ oder „Die soziale Verpflichtung des Arztes, am Kampfe gegen den Alkoholismus teilzunehmen“. Der Hauptvortrag beschäftigte sich mit der „Bedeutung der Alkoholfrage für unsere Kolonien“, kam von Dr. Fiebig aus Jena, Oberstleutnant des Sanitätsdienstes a.D. der Niederländisch-Ost-Indischen Armee, und dauerte zwei Stunden und 15 Minuten. Demnach sei das „Gedeihen einer Kolonie in ganz hervorragendem Maße von der Nüchternheit der Kolonisatoren abhängig“. Der letzte der „Flensburger Tage“ war dann auch dem Vergnügen gewidmet, heißt es in „Der Gut-Templer“. Dies bedeutete etwa einen Dampferausflug nach Sonderburg, von dort einen Ausflug zu den Düppeler Schanzen und am Abend im „Kollosseum“ ein „alkoholfreies Volksfest“.

Unmittelbar nach dem Abschluss des Großlogenfests schloss sich in Flensburg die Stiftung der tausendsten Loge „Kraft und Mut“ an mit 17 Schwestern und 21 Brüdern. Der Repräsentant der Großloge Dänemarks äußerte sich ergriffen wie nie zuvor anlässlich dieses Akts.


Die Gemeinschaft „Freischar“ trifft sich dienstags um 18 Uhr im Guttempler-Haus in der Apenrader Straße 62a. Das ehemalige Postgebäude haben die Flensburger 2005 gekauft. Für weitere Informationen: Museum im Guttempler-Zentrum in Mildstedt, Zu den Tannen 2, Anmeldung: Telefon 04841-73351.

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