Theaterwerkstatt "Pilkentafel" : Gelesene Fragmente: Kafka entspannt

Beeindruckend intensiv und manchmal urkomisch: Torsten Schütte (l.) mit Cellist Uwe Schade. Foto: Iwersen
Beeindruckend intensiv und manchmal urkomisch: Torsten Schütte (l.) mit Cellist Uwe Schade. Foto: Iwersen

Beeindruckende Premiere: Flensburgs Theaterwerkstatt "Pilkentafel" betrachtet Kafka als einen Traum. Konsequenterweise verfolgen die Zuschauer "Kafka im Liegen" aus der Waagerechten.

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03. Mai 2011, 10:10 Uhr

Flensburg | So entspannt haben wir Kafka noch nie genossen! Die Premiere des Stückes "Bitte, betrachten Sie mich als einen Traum" wurde von der Regisseurin Elisabeth Bohde im Foyer der Theaterwerkstatt "Pilkentafel" eingeleitet: Alles, was das Publikum nachfolgend vom Schriftsteller Franz Kafka hören würde, beträfe ausschließlich dessen innere Realitäten. Bohde hat aus sagenhaften 3400 Tagebuchaufzeichnungen und literarischen Fragmenten des großen Literaten eine eindrucksvolle Lesung mit verborgenen Kostbarkeiten zusammengestellt. Ihre hervorragende thematische Textauswahl, die sich schon mit der Kafka-Aufführung "Die Verwandlung" im Jahr 2004 vorbereitete, orientiert sich konsequent am Nichtbiografischen. Sie dokumentiert vielmehr eine Fülle an innerer Welt, gedanklicher Genauigkeit und Schärfe in den Wahrnehmungen, deren Aufschreiben Kafka wie einem andauernden inneren Ruf folgen musste.

Das Vorlesen dieser Texte ist eine schauspielerische Herausforderung, die Torsten Schütte unter Einsatz weniger körperlichen Aktionen unangestrengt und mit facettenreichem Stimmeinsatz meistert. Dabei bespielt er mit seiner manchmal urkomischen Gestik und Mimik den gesamten mit Filz ausgekleideten Raum. Unterstützt wird er von dem Cellisten Uwe Schade, der eine lineare Partitur des Komponisten Jaques Ibert auseinander nimmt und im Spiel mit Tempi, Anschlägen und Klängen neu zusammensetzt. So verändert sich die musikalische Begleitung in variationsreichen Interpretationen, die das gesamte Stück durchschwingen und Verbindungen herstellen. Elektronische Effekte werden gänzlich der Textvorlage untergeordnet, was den Hörern zugute kommt. Diese liegen auf dem warmen Filzboden in eigenen "Hotelbetten" aus Pappe, poetisch-naturale Versorgung inklusive. Man döst, träumt vor sich hin, schaut an die blaue Decke, isst Nüsse. Das könnte immer so weitergehen mit dem Vorlesen und dem Träumen.
Das Theaterhotel Pilkentafel bietet indes nur 25 Plätze pro Abend an, also: reservieren, hinlegen, zuhören!

Karten für 15 Euro (ermäßigt 10 Euro) in der Touristinfo ZOB, im sh:z-Kundencenter oder unter Telefon 0180-5700733.

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