Neueröffnung : Geheimnisse aus dem Zollkeller

Ein Geschenk als Dauerleihgabe: Hans August Dethleffsen (li.)zeigt eine Münzbalkenwaage mit drei getrennten Münzen, mit der man  die Echtheit der Zahlungsmittel prüfen konnte, daneben Hayo Dethleffsen und Museumsleiter Thomas Overdick.
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Ein Geschenk als Dauerleihgabe: Hans August Dethleffsen (li.)zeigt eine Münzbalkenwaage mit drei getrennten Münzen, mit der man die Echtheit der Zahlungsmittel prüfen konnte, daneben Hayo Dethleffsen und Museumsleiter Thomas Overdick.

Neben dem neuen Rum-Museum kann man im Schifffahrtsmuseum nun auch einer Handelsroute in zwölf Stationen folgen.

shz.de von
25. Juni 2014, 23:30 Uhr

Nach drei Jahren schöpferischer Pause hat die traditionsreiche Rumstadt Flensburg endlich wieder ein Rum-Museum: An diesem Sonntag öffnet am alten Platz – im Kellergewölbe des historischen Zollpackhauses (heute Schifffahrtsmuseum) – das komplett erneuerte Rum-Museum. Keine 100 Meter von der Schiffbrücke entfernt, wo einst die Rumfässer vor dem Zoll gelagert wurden, wird dieses Kapitel Stadtgeschichte künftig multimedial erzählt – anhand der gut 275-jährigen Familiengeschichte der Flensburger Kaufmannsfamilie Dethleffsen.

Der Clou: Das Rum-Museum wird künftig für Besucher völlig kostenfrei offen stehen – und im Halbstundentakt die insgesamt 17 Minuten lange Filminstallation von Sönke Lassen (Forward Filmproduktion) zeigen. Über drei Bildschirme kann man dabei etwa in historische Situationen eintauchen: zum Beispiel in das Herzogtum Schleswig, Mitte des 17. Jahrhunderts, als der kleine Hans Dethleffsen in eine landwirtschaftliche Familie hineingeboren wird – und weiß, wenn er nicht den Betrieb übernehmen kann, wird er vielleicht Pastor, Knecht oder Seemann. Es ist die Zeit, als Dänemark Kolonialherr auf der westindischen Insel St. Thomas wird.

Die Bilder der Filminstallation entstanden an sechs Drehtagen im Freilichtmuseum Molfsee, in der kleinen Schifferkirche in Arnis an der Schlei und im Museumsdorf Den Gamle By in Aarhus in Dänemark. Hans Dethleffsen jedenfalls kommt mit Anfang 20 nach Flensburg. Am Flensburger Holm ist es auch, wo die Familie ein kleines Handelsgeschäft gründet, Erbsen und Butter verkauft.

Es ist eine ganz neue Art, Geschichte in einem Museum zu erzählen“, sagt Schifffahrtsmuseumsleiter Thomas Overdick: „Das emotionale Erlebnis kommt sonst manchmal im Museum zu kurz“, findet er. Die Bedeutung der Rumstadt Flensburg sei vor allem eine Handelsgeschichte – und die Ära der bedeutendsten Rumstadt Europas endet 1998, als die Familie Dethleffsen, deren Geschichte eine Geschichte der Kapitäne und Kaufleute ist, sich vom Rumhandel trennt. „Handel ist Wandel“, sagt Andreas Dehleffsen dazu. Gemeinsam mit seinem Cousin Hermann leitet er die HGDF-Familienholding, die heute neben dem Holz- und Baustoffhändler HBK Dethleffsen die zentralen Unternehmen der Familie bündelt. „Uns ist Bewusstsein für Geschichte und Tradition wichtig, damit jede Generation entscheiden kann, was bleibt und was kommt“, sagt Andreas Dethleffsen. Dass das kleine, aber feine Rum-Museum zwischen Multimedia-Installation, Rumfässern, Verkorker und Etikettiermaschine zum freien Eintritt lädt, ist durch Spenden der beiden Familienunternehmen HGDF und HBK möglich geworden. „Mit einem einzigen Kaufmannsschiff fing alles an“, erinnert Hayo Dethleffsen. Die Familien- und Firmengeschichte sei eben Teil von Flensburgs Seefahrtsgeschichte, ergänzt er. Das Schiffsmodell – das Votivschiff Urania, ist ebenso Teil der Ausstellung wie das ledergebundene Gesangbuch von Gründervater Hans Dethleffsen aus dem Jahr 1703, der in Gefangenschaft von Piraten geraten war.

Ihre Erinnerungen an die Rumstadt Flensburg erzählen verschiedene Flensburger Persönlichkeiten wie Renate Delfs, Kurt Grün von Hansen Rum, Werner Barth, Wolfgang Andresen oder Hans Dethleffsen. Was Flensburg zur Rum-Stadt machte? Neben dem Zucker aus Westindien war es wohl vor allem die Branntweintradition: Im Jahr 1800 zählte Flensburg bei 15 000 Einwohnern glatt 200 Branntweinbrennereinen. Eine Tradition, die von den beiden Rum-Firmen Johannsen und der Neugründung Braasch am Leben gehalten wird, wie Museumsleiter Overdick gestern erinnerte.

Hans August Dethleffsen, Archivar der Familie, hatte gestern auch noch ein Geschenk als Dauerleihgabe im Gepäck – eine Münzbalkenwaage mit drei getrennten Münzen, mit der man seinerzeit die Echtheit der Zahlungsmittel prüfen konnte. Gemeinsam mit dem Kontorpult von 1850 aus dem Familienbesitz der Dethleffsens wird es bald Station vier auf der ebenfalls neuen Handelsroute durch das Museum zieren. Diese neue Route führt zu insgesamt zwölf Stationen des Museums und endet im Hinterhaus im Kolonialwarenladen.

Die dritte aktuelle Innovation des Schifffahrts- und Rum-Museums soll vor allem Kindern unter den Museumsbesuchern Spaß machen. Museumspädagogin Susanne Grigull hat die Flensburger Handelsroute zur broschierten Entdeckungstour durch das Museum gemacht. Acht- bis zwölfjährige Besucher treffen dort zum Beispiel auf den Stammbaum der Dethleffsens und finden Raum, sich mit ihrem eigenen Stammbaum zu beschäftigen – oder mit der Urania, die es dort zum Ausschneiden gibt.

Das Rum-Museum öffnet am Sonntag nach anderthalbjähriger Umbauzeit neu.

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