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Religionspolitik in der Sowjetunion : Geheimes Osterfest in der Diktatur

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Leiter der Russisch-Deutschen Bühne Waldemar Stefan erinnert sich an seine Großmutter, die auch in der Sowjetunion ihrem Glauben treu blieb.

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 12:52 Uhr

Für Waldemar Stefan, den Leiter der Russisch-Deutschen Bühne in Flensburg, ist Ostern vor allem eine geheime Familiengeschichte aus der früheren Sowjetunion. Denn: Im ersten sozialistischen Staat der Welt wütete ein hartes Religionsverbot. Besonders betroffen waren deportierte Völker, darunter vor allem Russlanddeutsche, die als „politisch unzuverlässige Elemente“ galten.

Stefan wurde 1955 in Gubacha, einer Strafkolonie im Gebiet Perm, Westural, geboren. 14 Jahre davor, einige Monate nach dem Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges und der Auflösung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, musste die ganze Familie ihr großes Haus in Saratow verlassen. „Meine Oma Charlotte Fritzler hatte dieses Haus von einer reichen deutschen Familie geschenkt bekommen, die Mühlen und Dämpfer besaß“, erinnert sich der 58-Jährige. Da sei sie Hauptgouvernante gewesen und habe die ganze Welt gesehen.

In dieser Familie habe Charlotte alle evangelischen Bräuche gelernt und ihr ganzes Leben lang auch streng befolgt. Nach der Revolution in Russland im Oktober 1917 und dem Beginn der Ära des „militanten Atheismus“ konnte man aber religiöse Feste nur noch geheim zu Hause feiern. „Es war unvorstellbar, eine Kirche zu besuchen. Die Tapfersten wurden von den vielen anderen Bewohnern belacht und von den Geheimdiensten kontrolliert.“

Eines Tages kam in die Schule in Gubacha eine Delegation des Gebietsschulrats, um Drittklässler, darunter Waldemar Stefan, in die sowjetische Pionierorganisation aufzunehmen. Das war kurz vor dem 1. Mai, dem Tag der internationalen Solidarität der Arbeiter, wie dieses Fest in der UdSSR hieß. „Ein Mitglied der für uns hohen Delegation fragte, was für ein Fest bald kommt. Statt ‚Der 1. Mai‘ antwortete ein Junge ,Ostern‘. Die Delegation war schockiert und erschrocken. Der Schüler wurde natürlich nicht in die Pionierorganisation aufgenommen, und welche Probleme seine Eltern bekommen haben, kann ich nur ahnen“, sagt Stefan heute.

Die Kinder durften damals noch nicht einmal draußen mit harmlosen Ostereiern spielen. „Unsere Eltern und Großeltern, die so viel Jammer überlebt haben, fürchteten, dass sie wegen uns neue Kopfschmerze bekamen“, erinnert sich der Schauspieler. Trotzdem beachteten die Jungs dieses Verbot kaum: „Es war für uns interessant, bei wem die Kalkschale am festesten ist, wenn wir die Eier gegeneinander schlugen“. Gefärbt wurden die Ostereierzu Hause unter Kontrolle von Oma Charlotte.

Dank ihrer Arbeit als Gouvernante war sie eine wunderbare Köchin und bereitete zu Ostern viele deutsche Gerichte. Eines davon waren Kartoffelklöße. „In meinem Gedächtnis ist es als ,Kartoun und Kleis’ geblieben – so klang der Name des Gerichtes für mein Kinderohr. Vielleicht ist das irgendwie mit dem schwäbischen Dialekt verbunden“, vermutet Stefan. Wie dieses Gericht auf Russisch hieß, wusste er nicht, denn die Oma war nicht stark in dieser Sprache. „Ihr Russisch war manchmal komisch. Einmal habe ich der Oma erzählt, dass ich nach Hause durch den Friedhof gekommen bin. Statt ,da ist es furchtbar‘ sagte sie ,da ist es langweilig‘“, lacht Stefan.

An den zauberhaften Duft von Omas Osterkuchen mit Quark und Rosinen kann er sich bis heute erinnern. Und auch an den sehr süßen Hauswein mit Himbeeren, der lediglich zu Ostern serviert wurde. Noch eine Tradition: Am Ostertisch trugen die Kinder unbedingt weiße Hemden. Leider hat Waldemar Stefan kein einziges Foto eines Osterfests: Damals war es sogar gefährlich, eines im Privatalbum zu haben.

Nach einem Unfall war Charlotte Fritzler die letzten zehn Jahre ihres Lebens ans Bett gefesselt. „Sie konnte natürlich nicht mehr kochen, aber sie kontrollierte, ob wir alles richtig zu Ostern und anderen religiösen Festen vorbereiteten. Entweder sie lobte oder korrigierte uns ein bisschen“, sagt Waldemar Stefan.

Bei vollem Verstand und ungetrübtem Gedächtnis las sie jeden Abend ihre alte deutsche Bibel mit vergilbten Seiten, die sie in ihrem Nachttisch pflegend bewahrte. „Das war ein Fädchen, das sie mit einer besseren Welt verband“, erinnert er sich.

 

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