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Stadtgeschichte Flensburg : Gefunden: Der letzte Friedensstein

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit dem Aufstellen von 41 Stein-Markierungen endete nach über hundert Jahren ein Grenzstreit der Kirchengemeinden Marien und Nikolai

shz.de von
erstellt am 10.Aug.2017 | 08:18 Uhr

Da steckt er unscheinbar im Loch, vierkantig, unauffällig dunkelgrau. Neben ihm noch ein kleiner hellgrauer Bruder, wesentlich weniger intensiv bearbeitet. Der Betrachter, der sie zufällig sieht, erkennt keinen Grund für eine besondere Aufmerksamkeit Erst der Kenner lässt die Steine sprechen, die eine Botschaft aus der Stadtgeschichte überbringen. Dieser Kenner ist der Flensburger Historiker Dr. Dieter Pust. Seine Kenntnis historischer Quellen führte ihn auf die Spur der dunklen Steine. Und er fand im Gestrüpp des Friedenshügels nach fast 300 Jahren tatsächlich den letzten „Friedensstein“.

Das gibt’s nicht nur heute unter Nachbarn: Der Zaun zwischen den Grundstücken wird verschoben. Erst nur ein paar Zentimeter, dann eine Handbreit. Und wenn es ganz dicke kommt, gräbt der eine Nachbar den einst vom Katasteramt gesetzten Grenzstein aus, verschiebt und verbuddelt ihn wieder. Merkt es der andere Nachbar, ist der Streit da. Der kann lang und ausdauernd sein, wird meist gespickt mit Vorwürfen und emotional geführt.

Solch ein Streit findet sich auch in der Flensburger Stadtgeschichte. Es stritten sich die Kirchengemeinden St. Nikolai und St. Marien. In den Kirchenunterlagen ist der Beginn der Auseinandersetzung benannt: im Jahr 1604. Streitpunkt war die Grenzlinie zwischen den beiden Gemeindegebieten. Die war in der Vergangenheit markiert durch den Langberger Weg, der einst vom heutigen Ochsenmarkt bis nach Handewitt verlief (heutige Lieferzufahrt des Citti-Parks).

Und genauso, wie es unter Nachbarn kommen kann, stritten sich die Kontrahenten erbittert gut hundert Jahre lang über den genauen Verlauf der Linien zwischen den „Feldkommünen“. Darauf wurde auch die Flensburger Obrigkeit aufmerksam, auch wenn nicht die wichtige Grenze des Stadtgebietes, sondern „nur“ eine Grenzziehung innerhalb Flensburgs betroffen war. Zeuge der Auseinandersetzungen war der damalige Oberbürgermeister Cläden, der darüber in einem seiner Werke berichtete.

Nach über hundert Jahren – 1718 – war die Energie für den Dauerstreit verpufft, es kam zu einer Einigung. Ein Vergleich wurde gefunden. Die juristische Festlegung erfolgte in der „Vergleichsacte“ vom 21.9.1722, unterschrieben von 18 Vertretern, je neun aus jedem Kirchspiel. Die vereinbarte Grenze wurde durch die insgesamt 42 Friedenssteine markiert: 21 auf der Süd-, ebenfalls 21 auf der Nordseite. Eingeschlagen auf der Rückseite der Steine waren die großen Buchstaben N für Nikolai und M für Marien, außerdem die Ziffern 1718, das Jahr der Einigung, Gäbe es sie noch, wäre der Langberger Weg heute von einer Allee dunkler Steine gesäumt.

Aber es gibt sie nicht mehr. Sie sind weg, spurlos verschwunden. Einen Hinweis auf diese Markierungen fand Pust in einer alten Karte des Stadtgebietes aus dem Jahr 1779. Dort waren die Steine verzeichnet. In späteren Plänen nicht mehr. Mit diesem Wissen machte sich Pust auf die Suche in der Umgebung des Langberger Weges. Dort verläuft, hinter der Rückseite des Citti-Park-Komplexes, die Grenze des Friedhofes Friedenshügel, durch einen Zaun abgetrennt. Dr. Pust brauchte nur genau hinsehen. Im Winkel des Zaunes, an der Einmündung des Friedensweges in den Langberger Weg, steckte der letzte erhaltene Friedensstein seine Spitze aus dem wuchernden Grünzeug. Nach Absprache mit Geschäftsführer Holger Hiebsch rückten Mitarbeiter des Friedhofes mit dem Spaten dem Stein näher. Sie beseitigten das Grünzeug und gruben, bis die Markierung des Steins sichtbar wurde. Nebenbei legten sie auch den hellen Stein frei, der einst ein Stück Land (Außenlücke) markierte, das ein Bürger aus der Stadt nutzen durfte (Koppelstein). Die Markierung 30 auf dem Koppelstein verweist auf die Eigentümer Nicolai Weiß und Gotthard Hansen. Weiß war Ratsherr der Stadt, Gotthard Hansen ein reicher Reeder und gilt als der Begründer der Diakonissenanstalt.

Und wo sind die anderen 41 Friedenssteine? Fanden sie Liebhaber, die sich an der Reihe der Grenzmarkierungen bedienten? Dr. Pust vermutet, dass die Friedenssteine möglicherweise bei den vielen Bauarbeiten und Umgestaltungen in dem Bereich untergegangen sind.

 

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